3 Fragen an Tobias Heinemann, Sprecher der Geschäftsführung der Transdev GmbH

25 Jahre nach der Bahnreform und der Öffnung des SPNV-Marktes stehen die Eisenbahnverkehrsunternehmen vor großen Herausforderungen. Welche das sind und warum eine Verkehrswende derzeit dringender ist denn je, berichtet Tobias Heinemann, Sprecher der Geschäftsführung der Transdev GmbH im Interview.

Transdev ist mit der NordWestBahn und Trans Regio in der NRW-Brancheninitiative Fokus Bahn vertreten. Was kann und was muss ein solches Branchenbündnis aus leisten? Was gehört im Sinne der Fahrgäste und im Sinne der Unternehmen ganz oben auf die Agenda?

Tobias Heinemann: : Wir begrüßen es, dass diese Initiative gegründet wurde, damit der Fokus stärker auf den Bahnsektor gelegt wird – dem Namen soll alle Ehre gemacht werden. Wir alle wollen unseren Beitrag zum Klimaschutz leisten und die Verkehrswende voranbringen. Deshalb ist es wichtig, das System Bahn ins Zentrum dieser Bemühungen zu stellen. Eine branchenweite Initiative aus Aufgabenträgern, Verkehrsunternehmen und Fahrgästen ist richtig, um dem Thema die notwendige Aufmerksamkeit zu verschaffen. Denn unsere Branche steht vor gewaltigen Herausforderungen! 25 Jahre nach der Bahnreform müssen endlich die richtigen Stellhebel in Bewegung gesetzt werden, um den SPNV im Sinne des Klimaschutzes weiterzuentwickeln. Wir bringen uns sehr gerne mit unseren Tochterunternehmen, die in NRW im SPNV unterwegs sind, in dieses Bündnis ein. Wir sind quasi ein Kind der Bahnreform, denn die NordWestBahn war als eine der ersten Wettbewerbsbahnen in NRW unterwegs und hat mit einem attraktiven Angebot Strecken vor der Stilllegung gerettet.

Fokus Bahn NRW widmet sich in einem seiner Projekte dem Thema, was Verkehrsverträge berücksichtigen müssen, um der heutigen Marktsituation im SPNV gerecht zu werden. Wo sehen Sie die größten Herausforderungen? Auf welche Gegebenheiten/Veränderungen im Markt sollte dringend reagiert werden? Wie könnten Lösungen aussehen?

Tobias Heinemann: Wir begrüßen, dass alle Besteller in NRW eine solche Initiative gestartet haben, um Mängel in den Verkehrsverträgen künftig zu korrigieren. Denn der Markt im Schienenpersonennahverkehr (SPNV) befindet sich aktuell in einer schwierigen Lage. Die Corona-Krise hat dies noch verschärft, da in großem Stil Fahrgäste ausgeblieben und Fahrgeldeinnahmen weggebrochen sind. 25 Jahre nach der Bahnreform und der Öffnung des SPNV-Marktes stehen alle Verkehrsunternehmen vor drei großen Herausforderungen:

1. Der bundesweite Fachkräftemangel wirkt sich massiv auf die Verfügbarkeit des Personals und die Rekrutierung von neuen Mitarbeitenden aus. Zugleich sind die Personalkosten überproportional angestiegen im Gegensatz zu der Vergütung, die die Verkehrsunternehmen durch die Aufgabenträger erhalten. In vielen Verkehrsverträgen wurde dieser Faktor in der Vergangenheit zu wenig berücksichtigt. Wir brauchen daher einen neuer Personalkostenindex.

2. Durch die gestiegenen Bundesmittel für die Sanierung der veralteten Infrastruktur (Leistungs- und Finanzierungsvereinbarung LUV) haben wir ein erhöhtes Baugeschehen im gesamten Schienennetz. Dies beeinträchtigt die Betriebsqualität massiv. Es kommt immer häufiger zu Verspätungen bei unseren Zügen, für die wir in den meisten Fällen gar nicht selbst verantwortlich sind. Trotzdem müssen wir hohe Strafzahlungen an die Aufgabenträger leisten. Das ist nicht gerecht und schadet dem gesamten System. Hier muss eine stärkere Differenzierung erfolgen.

3. Dazu kommt immer häufiger ein aufgrund von Baumaßnahmen notwendiger Schienenersatzverkehr, was die Verkehrsunternehmen zusätzlich wirtschaftlich belastet.

Das sind aktuell die drei großen Herausforderungen für die gesamte Branche. Diese adressieren wir und fordern die Verantwortlichen auf, gemeinsam mit den Verkehrsunternehmen sinnvolle Lösungen zu finden, um den Wettbewerb im SPNV und die vielen Vorteile, die sich daraus ergeben, langfristig zu sichern.

Als Transdev-Geschäftsführer haben Sie sowohl den bundesweiten als auch den NRW-SPNV im Blick. Zugleich haben Sie die Entwicklung des Markts und des Wettbewerbs in den unterschiedlichsten Funktionen lange und intensiv begleitet. Was ist Ihnen wichtig als Unternehmer in diesem Markt? Braucht es mehr oder andere unternehmerische Gestaltungsmöglichkeiten? Wird Corona den Umgang mit solchen Fragen verändern?

Tobias Heinemann: Die Corona-Krise ist mit Abstand die wirtschaftlich und unternehmerisch größte Krise der Nachkriegszeit. Die Auswirkungen auf den Verkehrssektor sind immens und die langfristigen Folgen noch gar nicht abzusehen. Die Corona-Krise hat das Mobilitätsverhalten der Menschen massiv verändert. Hier müssen wir dringend gegensteuern, um das Vertrauen in den öffentlichen Verkehr wieder herzustellen und die Menschen – schon im Sinne des Klimaschutzes – wieder an Busse und Bahnen zu binden. Die Verkehrswende ist nur mit einem weiteren massiven Ausbau des öffentlichen Verkehrs überhaupt zu erreichen. Gerade die Krise hat uns gezeigt, wie wichtig ein gutes Angebot bei Bus und Bahn auch für die Daseinsvorsorge ist. Zugleich muss sich der öffentliche Verkehr bei sich ändernden Marktbedingungen immer wieder neu erfinden. Ein Wettbewerb der Ideen hilft hier, für unterschiedliche Mobilitätsbedürfnisse die passenden Angebote zu entwickeln. Diese Probleme müssen wir jetzt angehen und zukunftsfähige Lösungen finden. Wir müssen zum Beispiel über neue Tarifmodelle nachdenken, da in Zukunft immer mehr Menschen im Homeoffice arbeiten und nicht mehr jeden Tag zur Arbeit pendeln werden. Auch die Digitalisierung ist ein wichtiger Schlüssel für die gesamte Branche – sie bietet uns die Möglichkeit, die Zukunft aktiv zu gestalten und noch besser auf die Bedürfnisse unserer Kunden einzugehen.