5 Fragen an Andrea Demler, Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Essen

Bis 2025 werden etwa 30 bis 40 Prozent der heute in den Verkehrsunternehmen Beschäftigten in den Ruhestand gehen, in den kommenden fünf Jahren werden daher bis zu 1700 Lokführer/innen fehlen. Andrea Demler, Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Essen ist sich sicher: Nur gemeinsam kann die Bahnbranche dem Fachkräftemangel entgegentreten. Im Interview spricht sie über Ausbildungskapazitäten, Arbeitnehmerförderung und Wettbewerbspartner.

An Sie wenden sich Vertreter vieler Branchen auf der Suche nach Fachkräften. Welche Unterstützung können Sie als Arbeitsagentur anbieten – welche Ratschläge geben Sie?

Andrea Demler: Als Arbeitsagentur haben wir Zugriff auf den bundesweit größten Bewerberpool an Arbeitssuchenden. Gleichzeitig können wir durch individuelle Beratung auf Entwicklungen am Arbeitsmarkt reagieren und Jobinteressenten gezielt auf marktkräftige Bereiche und damit auf neue Perspektiven aufmerksam machen. Weiteres bietet das Qualifizierungschancengesetz im Hinblick auf den Fachkräftemangel zusätzliche Unterstützung für Arbeitgeber: Wenn beispielsweise ein Zugbegleiter innerhalb eines Eisenbahnverkehrsunternehmen eine Umschulung zum Lokführer machen möchte, kann diese Weiterbildung gefördert werden und  der Arbeitgeber kann unter den gesetzlichen Voraussetzungen von der Bundesagentur für Arbeit während der Zeit der beruflichen Weiterbildung des Arbeitnehmers einen Zuschuss zum Arbeitsentgelt erhalten.

Wir alle kennen Schlagworte und Zahlen zum Fachkräftemangel. Wie haben Sie die Entwicklung der letzten Jahre erlebt? Wie gelingt es Unternehmen, sich dieser Entwicklung anzupassen?

Andrea Demler: Ein Fachkräftemangel in unterschiedlichen Branchen zeigt sich schon seit Jahren. Neben offenen Stellen in der Pflege bleiben viele Positionen im Handwerk, der IT und im Ingenieurswesen unbesetzt – so auch in der Bahnbranche. Ein Grund hierfür ist auch, dass das Ausmaß des demografischen Wandels nicht in allen Branchen frühzeitig vollumfänglich erkannt wurde und teilweise zu spät reagiert worden ist. Rechtzeitige Investition in Ausbildung und Weiterbildung des Personals ist vor dem Hintergrund des weiterhin bevorstehenden demografischen Wandels für alle Unternehmen sehr wichtig. Und was diese Entwicklungen angeht, kommt noch einiges auf uns zu: In den nächsten 10 Jahren werden alleine in der Stadt Essen rund 45.000 sozialpflichtversicherte Berufstätige in Rente gehen, rund 70 Prozent davon sind Fachkräfte. In Nordrhein-Westfalen sind es rund 1.260.000 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte, die in den nächsten 10 Jahren in Ruhestand gehen werden. Dies sind 18 % aller Beschäftigten in NRW.

Daher sind die Unternehmen gefragt, ihre Ausbildungskapazitäten zu erweitern, für nicht so bekannte Berufsbilder zu werben und sich selbst als attraktiver Arbeitgeber zu präsentieren. Denn heutzutage werben Arbeitgeber um die Gunst der Arbeitnehmer, Gehalt ist dabei längst nicht mehr der entscheidende Faktor. Familienfreundlichkeit, Kinderbetreuung und flexibles Arbeiten rücken immer mehr in den Fokus. Daher ist es besonders wichtig, dass sich die Partner der Bahnbranche zusammenschließen und gemeinsam eruieren, mit welchen Maßnahmen sie diese Arbeitnehmerwünsche umsetzen können.

Die Bahnunternehmen verfolgen das Ziel, neue Zielgruppen für den Lokführerberuf zu erschließen und haben hierbei auch die Zielgruppe Frauen im Blick. Was sollte die Bahnbranche tun, um hier erfolgreich zu sein?

Andrea Demler: Um Frauen für den Lokführerberuf begeistern zu können, müssen ihre Bedürfnisse und Wünsche erkannt werden. Ein Austausch mit beschäftigten Lokführerinnen und branchenfremden Frauen ist hier sicherlich der richtige Weg. Gleichzeitig ist es kein Geheimnis, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und damit verbundene Teilzeitmodelle und Kinderbetreuungsangebote für Frauen und alleinerziehende Mütter für die Berufswahl entscheidend sind.

Eine bundesweite Umfrage zeigt, dass es nur für 27,3 Prozent der unter Dreijährigen einen Betreuungsplatz gibt – hier fehlen also Angebote in großem Maße. Zusätzliche Problematik für berufstätige Frauen im Schichtdienst ist, dass die Öffnungszeiten regulärer Kitas kaum mit ihren eigenen Arbeitszeiten vereinbar sind. An diesem Punkt sollte die Bahnbranche anknüpfen und nach möglichen Lösungen suchen: Welche Unterstützung kann es geben? Ist ein Betriebskindergarten sinnvoll? Zudem könnte die Sicherheit bei Nachtfahrten für Bewerberinnen ein weiterer Aspekt sein, der für oder gegen eine Ausbildung bzw. Umschulung zur Lokführerin spricht. Auch hier können geeignete Maßnahmen und deren Kommunikation nach innen und außen dazu beitragen, Frauen für diesen Beruf zu gewinnen.     

Fokus Bahn möchte auch die Gruppe der neu zugewanderten Migranten fit für die Ausbildung zum Lokführerberuf machen. Worauf sollte die Bahnbranche hierbei unbedingt achten?

Andrea Demler: Es ist absolut richtig, neue Zielgruppen für den Beruf zu erschließen. Es darf allerdings nicht vergessen werden, dass der Lokführerberuf hohe Ansprüche stellt. Darum muss die Auswahl nach geeigneten Umschülern gezielt und entsprechend der gegebenen Qualifikationen und Leistungsbereitschaft getroffen werden. Eisenbahnspezifischen Sprachkurse schaffen dabei gute Voraussetzungen. Außerdem ist es sicherlich sinnvoll, über Unterstützungsmöglichkeiten durch Bahntickets nachzudenken, mit denen Umschüler zur Ausbildungsstätte fahren können. Kaum jemand der oben genannten Zielgruppe hat ein eigenes Auto oder das Budget, täglich weite Strecken mit der Bahn zu fahren.  

Ebenfalls wichtig: Die Förderung interkultureller Kompetenzen innerhalb der Eisenbahnverkehrsunternehmen (EVU). Für eine langfristige positive und gestärkte Zusammenarbeit ist es wichtig, dass sich Teammitglieder und Vorgesetzte mit diesem Thema aktiv auseinandersetzen. Kleine Gesten wie zum Beispiel ein interkultureller Firmenkalender können hier schnell einen großen Unterschied machen und das Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Umschüler festigen.

In NRW werden in den nächsten fünf Jahren rund 1700 Lokführer gebraucht. Wenn Sie eine Zukunftsprognose wagen, wo sehen Sie die Branche Ende 2025?

Andrea Demler: Das ist eine schwierige Frage, denn im Hinblick darauf, dass eine Umschulung zum Lokführer annähernd ein Jahr dauert, ist die Zeitspanne mit fünf Jahren verhältnismäßig kurz. Klar ist, dass die Ausbildungskapazitäten weiter ausgebaut und Ausbildungsanreize für die Unternehmen geschaffen werden müssen. Die Selbstverpflichtung zur gegenseitigen Ausbildungskostenerstattung war hierfür schon ein bedeutender Meilenstein – weitere müssen folgen. Den Erfolg wird die künftige Zusammenarbeit der EVU, Zweckverbände und des Landes NRW maßgeblich steuern. Umso wichtiger ist es, dass sich die Mitglieder trotz des Wettbewerbs auf der Schiene auch als Partner verstehen. Sie haben ein gemeinsames Ziel und das können sie auch nur gemeinsam erreichen.