Ausbildung mit Überblick: Quereinstieg als Disponent/in

Streckensperrung, Umleitung, Neuplanung: Über 100 Telefonate führt ein Disponent bzw. eine Disponentin in der Regiezentrale pro Tag. Um die Einarbeitung neuer Kolleg/innen in diesem fordernden Arbeitsalltag zu sichern, wurde ein Pilotkurs gestartet. Die neue Ausbildung bereitet angehende Disponent/innen auf ihren Einsatz vor. So entstehen zugleich neue Perspektiven für Quereinsteiger/innen.

Herr van den Bosch, Sie haben als Referent der Leitstelle den Pilotkurs bei der eurobahn begleitet. Wie ist die Idee zu einem solchen Ausbildungsmodell entstanden?

Antwan van den Bosch: „Wenn jemand in der Leitstelle anfängt, wird er oder sie – wie in vielen anderen Berufen auch – ins kalte Wasser geschmissen. Große Verantwortung und schnelle Problemlösung gehören zum Arbeitsalltag. Gerade für neue Kolleginnen und Kollegen kann dies am Anfang eine enorme Herausforderung sein. Es gibt viele Fragen und Unsicherheiten – und weil bei der Bahnfamilie eigentlich kein Tag wie der andere ist, gibt es fast immer Ausnahmesituationen, auf die neu reagiert werden muss. Bisher wurden Disponent/innen vor allem durch das Prinzip Training on the Job ausgebildet, da Unternehmen bei der Rekrutierung insbesondere auf ehemalige Triebfahrzeugführer/innen setzten. Für diese waren Arbeitsprozesse in der Bahnbranche zwar vertraut, Ausbildungs- und Wissensstände jedoch sehr unterschiedlich und Dispositionserfahrung nicht immer vorhanden. Gerade wenn ein Tag sehr fordernd ist, bleibt wenig Zeit für eine aufwändige Einarbeitung. Ist viel los, ist man geneigt, die Situation schnell selbst zu regeln. Ist wenig zu tun, fehlen Praxisbeispiele, um Lösungswege aufzuzeigen. Genau hier knüpft der Pilotkurs an: Wir lösen die Ausbildung vom Tagesgeschäft, schließen Wissenslücken und ermöglichen einen Quereinstieg für Bewerber/innen außerhalb der Bahnbranche und ohne Dispositions-Hintergrund.

Es können also auch Quereinsteiger/innen diese Ausbildung starten?

Antwan van den Bosch: Genau! Dispositionserfahrung ist von Vorteil, doch in der Praxis hat sich vor allem eines gezeigt: Operative Prozesse lassen sich erlernen. Kommunikative Fähigkeiten, Belastbarkeit und ausgeprägte Team-Fähigkeit sowie selbstständiges und eigenverantwortliches Arbeiten sind Einstellungssache und charakterabhängig – jedoch enorm wichtig für die tägliche Arbeit. Durch die Ausbildung erhalten auch die Interessierten eine Möglichkeit für einen Einstieg, die bis dato noch keine Dispositionserfahrung in ihrem Lebenslauf vorweisen können. Eine erfolgreich abgeschlossene technische oder kaufmännische Ausbildung ist natürlich wünschenswert, Erfahrungen in der Speditions-, Logistik-, oder Transportbranche sind von Vorteil.

Wie ist die Ausbildung aufgebaut?

Antwan van den Bosch: Um den angehenden Disponent/innen ein umfassendes Bild über die unterschiedlichen Facetten der Bahnbranche geben zu können, zählen neben Streckenkunde auch Arbeitstage auf den Zügen, in Kundencentern, in Abteilungen der Fahrgastinformation und in der Werkstatt zu den Ausbildungsinhalten. In der Disposition ist es wichtig, die unterschiedlichen Bedürfnisse aller Beteiligten im System Schiene zu verstehen. Schließlich ist man hier die Kontaktperson, die angerufen wird, wenn Hilfe oder Informationen gefragt sind. Die interne theoretische Ausbildung berücksichtigt genau das und bildet einen Teilbereich der dreimonatigen Ausbildung. Themen wie Regelwerke, dazugehörige Prozessschulungen, Betriebsplanung, Verkehrsverträge, Arbeitszeitgesetze sowie tarifliche Regelungen, ein Einblick in die Rechtsabteilung und Personaleinsatzplanung zählen dazu. Die externe theoretische Ausbildung wird durch eine Bildungseinrichtung durchgeführt: Disposition des Bahnbetriebs steht hier im Fokus. Damit sich alle Disponent/innen auf den betreffenden Strecken auskennen, berücksichtigt die interne praktische Ausbildung Führerstandsmitfahrten zum Erwerb von Strecken- und Ortskenntnissen. Werkstattbesichtigungen inklusive Einweisung, Kommunikationstraining, Office- und Software-Schulungen dürfen dabei selbstverständlich nicht fehlen, genauso wie die Schichten in der Leitstelle.

Was passiert, wenn die Ausbildung abgeschlossen ist? Ist der Berufseinstieg gesichert?

Antwan van den Bosch: Ja. Die Auszubildenden erhalten ab Tag eins ihr volles Dispositions-Gehalt und werden mit Abschluss der Ausbildung übergangslos übernommen.

Was lässt sich aus den gewonnenen Erkenntnissen ableiten?

Antwan van den Bosch: Wir sehen schon jetzt positive Auswirkungen und haben gute Erfahrungen gemacht. Der Pilot-Ausbildungskurs lässt sich als ein erstes Feldexperiment in kleinem Maßstab verstehen: In Zusammenarbeit im dem Landesprogramm Fokus Bahn NRW werden aktuell professionelle Standards festgelegt und die Schulungsinhalte über Unternehmensgrenzen hinaus aufgestellt. Wenn wir für die Zukunft gemeinsam als Branche qualifiziertes Personal ausbilden können, das in allen Unternehmen direkt einsatzbereit und durch externe Bildungsträger geschult ist, ist das ein enormer Mehrwert für alle Bahnen in NRW. Hier arbeiten bereits alle Partnerinnen und Partner der Initiative an übergreifenden Konzepten und an einer gemeinsamen Umsetzung.