Blick in die Zukunft: Co-Programmleiter Marcel Winter im Interview

Der Bahnmarkt in Nordrhein-Westfalen ist in Bewegung: Mit Abellio und Keolis haben zwei der größeren Anbieter zuletzt vor allem durch ihre Versuche auf sich aufmerksam gemacht, mit den Aufgabenträgern neue finanzielle Vertrags-Rahmenbedingungen zu verhandeln. Parallel stellt sich die SPNV-Branche im Land aber auch einer Reihe weiterer dringender Aufgaben: das Management der zunehmenden Baustellen im Netz, die Flexibilisierung des Gesamtangebotes als Folge von Corona, die koordinierte Zusammenarbeit der Branche bei Unwetterereignissen. Marcel Winter, Geschäftsführer von National Express, und neuer Co-Programmleiter von Fokus Bahn, spricht über das, was ihn antreibt.

„Agilität ist das, worauf es gerade jetzt ankommt.“

Besonders in den letzten Monaten mussten sich die Menschen in NRW und auch die Akteure im SPNV wieder und wieder auf neue Gegebenheiten anpassen. „Außenstehende denken vielleicht, dass die Mühlen im System Schiene langsam mahlen – aber genau das Gegenteil ist der Fall“, so Marcel Winter. Der neue Co-Programmleiter des Landesprogramms Fokus Bahn NRW und Geschäftsführer der National Express GmbH, hat den Verkehr auf der Schiene aus unterschiedlichen Funktionen heraus seit vielen Jahren begleitet. Die ständige Weiterentwicklung der Mobilität auf der Schiene ist es auch, was ihn selbst seit seinem ersten Tag in der Bahnbranche antreibt. „Alle Akteure – seien es Aufgabenträger oder Eisenbahnverkehrsunternehmen – müssen jeden Tag unfassbar schnell reagieren, damit der Fahrgast trotz Baustellen, Unwetter oder neuen geltenden Corona-Regelungen sicher an sein Ziel gelangt. Wir müssen flexibel sein – Agilität ist das, worauf es gerade jetzt ankommt.“

Gleichzeitig formen nicht nur Einflüsse von außen den Verkehr, so Winter weiter: „Es sind die Bedürfnisse der Fahrgäste, die sich stetig ändern und auf die wir reagieren müssen.“ Beispielsweise hätten viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zwar von zu Hause aus gearbeitet, weil es die aktuelle Situation erfordert hat. Doch der Co-Programmleiter ist sich sicher, dass es auch nach der Pandemie weiterhin den Wunsch nach Homeoffice geben wird: „Schon lange ist mobiles Arbeiten bei New Work ein Thema. Durch Corona haben auch viele kleine Unternehmen erkannt, dass das die neue Form der Arbeitswelt sein kann“, erklärt er. „Für uns bedeutet das, dass sich nicht nur die Pendler-Ströme und Stoßzeiten, sondern auch die Nachfrage nach passenden und flexiblen Ticket-Modellen verändert. Wir müssen einen Mehrwert schaffen, damit die Menschen in Nordrhein-Westfalen nicht nur auf die Schiene umsteigen, weil es die Klimasituation erfordert – sondern, weil sie es gerne tun und es zu ihrer Lebenssituation passt.“

„Als Initiative Fokus Bahn NRW können wir gemeinsam viel verändern.“

Gleichzeitig bleibt die Nachfrage nach klimaneutraler Mobilität natürlich ein entscheidender Faktor: Damit der Verkehr auf der Schiene als echte Alternative zum eigenen Pkw gesehen werden kann, muss vor allem viel gebaut werden – nicht umsonst hat das Land NRW das Jahrzehnt der Baustellen ausgerufen. „Um die Schiene attraktiver zu machen, kommen wir um Baumaßnahmen nicht herum“, erklärt der Geschäftsführer der National Express GmbH. „Das Problem: Anders als Autos können wir bei Streckensperrungen oder Ausbauarbeiten nicht einfach kurz vorbei über den Bordstein oder schnell eine Abkürzung nehmen. Das System Schiene ist sehr komplex und es kann passieren, dass wir von 365 Tagen im Jahr an bis zu 250 Tagen abweichende Fahrten planen müssen. Die SPNV-Regiezentrale von Fokus Bahn NRW zeigt hier deutlich, dass gemeinsam wortwörtlich mehr bewegt werden kann als im Alleingang.“

Die Zusammenarbeit in der Initiative habe in den letzten zwei Jahren viel erreicht, betont Winter. Was aus einem Fachkräftemangel heraus entstand und Wettbewerber an einen Tisch gebracht hat, hat sich zu einem gemeinsamen Team gewandelt, das neue Ziele angehen kann: „Wir sind als Konkurrenten mit unterschiedlichen Perspektiven zusammengekommen und waren darauf fokussiert, Problemlösungen zu finden und Hürden zu meistern. Dieser Weg hat uns auf vielen Ebenen zu Partnerinnen und Partnern gemacht und ermöglicht uns jetzt, in die Zukunft zu schauen. Wir haben gesehen, was gemeinsam möglich ist und können uns fragen: Was wollen und können wir noch bewegen?“