Zukunftsperspektive für Migranten: Lokführer Emin Liebscher im Interview

Emin Liebscher hat Erfahrung als Lokführer in NRW – zugleich kennt er die Situation vieler Migranten aus den Kriegsgebieten und spricht ihre Sprache, weil er selber vor vielen Jahren aus Syrien nach Deutschland gekommen ist. Dank seiner Beratung und Unterstützung konnte Fokus Bahn NRW viele hochqualifizierte Bewerber als Interessenten für den Lokführerberuf gewinnen.

Sie unterstützen Fokus Bahn NRW beim Aufbau spezieller Ausbildungskonzepte für Migranten – was hat Sie dazu motiviert und welche Chancen sehen Sie?

Emin Liebscher: Ich bin fest davon überzeugt, dass der Lokführerberuf vielen Migranten eine tolle Möglichkeit bietet, eine gefestigte berufliche Zukunft in Deutschland aufzubauen. Es gibt so viele Menschen, die im Krieg ihr ganzes Hab und Gut verloren haben und die bereit sind, für ein geordnetes und sicheres Leben viel zu leisten. Ich finde es richtig und wichtig, dass die Bahnen in NRW gemeinsam an diesem Punkt anknüpfen, so neue Chancen für Migranten schaffen und damit gleichzeitig dem Lokführermangel entgegentreten.

Viele Migranten, die sich bei den Bahnen in NRW bewerben, sind Akademiker oder haben Abitur. Sie selbst sind gelernter Fachinformatiker und waren als selbstständiger Webdesigner tätig, bevor Sie Ende 2013 eine Umschulung zum Triebfahrzeugführer starteten. Was war für Sie der Grund, einen neuen beruflichen Weg einzuschlagen?

Emin Liebscher: Es stimmt, fast alle Menschen, die hierherkommen, haben mindestens ihr Abitur – viele von ihnen auch ein abgeschlossenes Studium mit Berufserfahrung. Für sie ist es frustrierend, dass sie bereits hart auf einen guten Abschluss hingearbeitet haben, dieser in einem anderen Land aber anders oder gar nicht anerkannt wird. Diese Menschen möchten selbstständig sein, ihr eigenes Geld verdienen und Teil der Gesellschaft werden, in der sie ihr neues Zuhause suchen. Deswegen haben sie eine enorme Motivation. Mit dem Lokführerberuf bekommen sie die Chance dazu, langfristig Fuß zu fassen.

Ich bin damals über einen Freund auf den Beruf aufmerksam geworden. Für mich als Selbstständiger war vor allem die Sicherheit des Berufs entscheidend: nicht nur finanziell, auch die sozialen Absicherungen bezogen auf Krankheitsfälle oder die Rente.

Wie haben Sie die Ausbildung erlebt und wie war die Zusammenarbeit mit den Kollegen?

Emin Liebscher: Die Ausbildung war nicht einfach, aber für mich hat sich „Dranbleiben“ definitiv gelohnt.

Der Beruf ist ein anspruchsvoller Beruf und erfordert Disziplin und Verantwortung zugleich. Wie bei jedem anderen Beruf gibt es schöne und auch weniger schöne Tage: Es kann alles nach Plan und ohne Komplikationen verlaufen und man kann die Fahrgäste pünktlich ans Ziel bringen, manchmal können beispielsweise aber auch technische Störungen Verspätungen auslösen.

Die Bahnerfamilie existiert wirklich: Wir sind ein tolles Team, ich kann mich auf meine Kollegen verlassen und wir unterstützen uns gegenseitig. Auch wenn ich nur für meinen Arbeitgeber sprechen kann, bin ich sicher, dass es bei allen Bahnen in NRW so der Fall ist.

Wie berichten Sie anderen Migranten heute über den Lokführerberuf? Was sollten sie unbedingt wissen, wenn sie sich für die Ausbildung entscheiden?

Klar ist, dass die Ausbildung nicht auf die leichte Schulter zu nehmen ist: Sie verlangt Ehrgeiz, Durchhaltevermögen und Disziplin – und das muss Bewerbern auf diesen Beruf bewusst sein. Genauso muss klar sein, dass der Lokführerberuf, auch wenn viele Arbeitgeber auf die Bedürfnisse der Arbeitnehmer eingehen, ein Beruf mit Schichtdienst ist. Das alles ist aber in Ordnung für das, was man als Gegenleistung bekommt: nämlich Sicherheit, Zukunftsperspektive und Zugehörigkeit.

Was sollten die Bahnunternehmen in NRW berücksichtigen, damit die Ausbildung von Migranten erfolgreich läuft? Wo liegen die größten Hürden?

Emin Liebscher: Eine der größten Herausforderungen ist sicherlich die Sprache, insbesondere „Eisenbahnerdeutsch“ ist nicht unbedingt einfach und selbsterklärend. Es gibt viele Fachbegriffe und Bezeichnungen, dessen Verständnis Grundvoraussetzung für die Berufstätigkeit als Triebfahrzeugführer ist. Eisenbahnspezifische Sprachkurse sind daher der absolut richtige Ansatz. Gleichzeitig sollten die Bahnunternehmen Anreize für das geplante Mentorenprogramm schaffen, die Migranten bei ihrer Ausbildung und später auch im Berufsleben unterstützen. Wichtig ist aber besonders, dass sich Unternehmen ihrer Verantwortung für kulturelle Integration bewusst sind: Die Menschen sind gewillt und motiviert, fleißig zu arbeiten und Teil der Eisenbahnerfamilie und des Unternehmens bzw. der Teamkultur zu werden. Hier ist eine Willkommenskultur von Nöten und jegliche Art von Mobbing, Pöbeleien und Rassismus ist abzulehnen und zu ahnden.