„Die Bahnbranche muss geschlossen hinter der dualen Berufsausbildung stehen“

Dass die Ausbildung als „Eisenbahner/in im Betriebsdienst“ für junge Menschen zunehmend attraktiv wird, zeigen die wachsenden Eingangsklassen am Nicolaus-August-Otto-Berufskolleg in Köln.

„Die duale Ausbildung ist eine der nachhaltigsten Maßnahmen gegen den Fachkräftemangel in der Bahnbranche“, meinen Birgit Wohak und Benedikt Riepe. Am Nicolaus-August-Otto Berufskolleg (NAOB) in Köln zeichnen sie für die schulische Bildung zukünftiger Lokführer- und Fahrdienstleiter/innen verantwortlich – und freuen sich über seit Jahren wachsende Einstiegsklassen. In diesem Schul- bzw. Ausbildungsjahr werden für rund 75 junge Menschen drei Klassen für angehende Lokführer/innen neu eingerichtet, weitere 15 besuchen die Klasse für Eisenbahner/innen in der Zugverkehrssteuerung. Die beiden Jahrgänge über ihnen zählen jeweils 80 Berufsschüler/innen. Das sind insgesamt rund 250 junge Bahner/innen, die bei elf Bahnverkehrs- und -infrastrukturunternehmen im Raum Aachen-Köln-Düsseldorf eine duale dreijährige Berufsausbildung absolvieren.

Qualifizierte Ausbildung unabhängig von der Betriebsgröße

„Die meisten Schülerinnen und Schüler kommen nach wie vor aus den Unternehmen der DB – DB Regio, DB Cargo, DB Fernverkehr und DB Netz. Aber auch Unternehmen wie HGK, Rheincargo und kleinere Bahnbetriebe melden ihre Auszubildenden bei uns an“, erklärt Birgit Wohak, die den Bereich Verkehrswesen am NAOB koordiniert. Der Berufsschulunterricht ist für die Bahner/innen pro Schuljahr auf drei Blöcke mit jeweils vier bis fünf Wochen konzentriert.

Der Blockunterricht vermittelt das theoretische Wissen gemäß Rahmenlehrplan in drei Haupt- bzw. Zeugnisbündelungsfächern: Angehende Lokführer/innen lernen die Gewährleistung von sicherem Bahnbetrieb, die Prüfung und Handhabung von Schienenfahrzeugen sowie die Durchführung von Zug- und Rangierfahrten. Für Eisenbahner/innen in der Zugverkehrssteuerung heißen die Hauptfächer Gewährleistung von sicherem Bahnbetrieb, Sicherung und Koordination von Fahrzeugbewegungen sowie Steuerung von Zug- und Rangierfahrten. Daneben gibt es allgemeinbildenden Unterricht – etwa in Deutsch, Wirtschaft, Politik oder Religion. Zudem ist Niederländisch aufgrund der vielfältigen Schienengrenzverkehre ein Pflichtfach für die Bahner/innen am NAOB. Der theoretische Unterricht am Berufskolleg stellt eine übergreifende Ausbildung sicher, die unabhängig von der Größe des jeweiligen Ausbildungsbetriebs ist.

Vernetzung zwischen Berufsschule und Bahnunternehmen

„Wer sich für eine Ausbildung in der Bahnbranche entscheidet, ist immer hochmotiviert“, berichtet Benedikt Riepe, der seit zehn Jahren angehende Eisenbahner/innen im Betriebsdienst schulisch begleitet. Als Lehrer ist ihm die enge Vernetzung zwischen Ausbildungsunternehmen und Berufsschule wichtig. „Wir generieren das Fachwissen aus den Unternehmen, bringen dort aber auch die Fragen und Ideen der jungen Menschen an“, so Riepe weiter. Zudem verbessert der Austausch die individuelle Förderung der Auszubildenden. „Junge Menschen durchlaufen in ihrer Ausbildung Höhen und Tiefen. Da können wir fördern oder gegensteuern und unsere Schüler/innen zu einem erfolgreichen Abschluss ihrer Ausbildung führen“, ergänzt der Lehrer.

Künftigen Eisenbahner/innen stehen viele Türen offen. Schon am Berufskolleg haben sie die Chance, sich neben ihrer Ausbildung weiter zu qualifizieren und beispielsweise durch die Belegung zusätzlicher Fächer einen höheren Schulabschluss zu erwerben. „Die meisten Bahnerinnen und Bahner haben allerdings vor Ausbildungsbeginn ihre Fachhochschulreife oder ihr Abitur, teilweise sogar ein Studium“, betont Riepe und kennt die Gründe für den Schritt in die Bahnbranche: „Umfragen unter unseren Schülerinnen und Schülern zeigen, dass sie sich mit ihrer Ausbildung einen Kindheitstraum erfüllen. Sie sind fasziniert von der Technik des Bahnbetriebs, wollen aber auch einer sinnvollen Arbeit nachgehen, die mit dem Transport von Gütern und Menschen gegeben ist. Zudem sind Verdienst- und Aufstiegsmöglichkeiten in der Branche sehr gut."

Duale Ausbildung sichert den Fachkräftebedarf in der Bahnbranche

Nach ihrer dualen Ausbildung können sich junge Bahner/innen beispielsweise als Meister/in im Bahnverkehr, als Fachwirt/in für den Bahnbetrieb oder als Techniker/in mit Schwerpunkt Eisenbahnbetrieb weiterbilden . „Wer den Weg eines Studiums nicht scheut, kann auch Fachlehrer/in für zukünftige Bahner/innen werden. Es ist sehr wichtig, dass theoretisches und praktisches Wissen in der Ausbildung gut verknüpft und entsprechend vermittelt wird“, sagt Birgit Wohak – auch mit dem Blick in Richtung Mobilitätswende. Dafür braucht die Bahnbranche vor allem gut ausgebildete Fachkräfte.

Doch der Nachwuchs fehlt, obwohl die Bahner/innen-Klassen am Kölner Berufskolleg alljährlich wachsen. Die Deutsche Bahn beziffert ihren Personalbedarf im Jahr 2022 bundesweit auf 21.000 Mitarbeitende. Dabei stehen Eisenbahner/innen im Betriebsdienst an der Spitze der Mangelberufe. Allein für Triebfahrzeugführer/innen in Nordrhein-Westfalen werden jedes Jahr rund 300 Stellen altersbedingt frei und müssen neu besetzt werden. „Die Bahnbranche kann ihrem Personalmangel nur solidarisch begegnen“, meinen die Lehrkräfte am NAOB: „Um junge Menschen langfristig zu binden, müssen die Bahnunternehmen ihre Anstrengungen in der dualen Berufsausbildung weiter ausbauen und Chancen, aber auch Risiken gerecht untereinander verteilen. Die Bahnbranche muss geschlossen hinter der dualen Berufsausbildung stehen.“

Das Nicolaus-August-Otto-Berufskolleg in Köln-Deutz wurde am 1. April 1964 als Berufsschule für Kraftfahrzeugtechnik gegründet und trägt seit 1988 den Namen des berühmten Entwicklers und Erfinders Nicolaus August Otto. Jedes Jahr besuchen rund 1.700 Schüler/innen die dort angebotenen Bildungsgänge in den Fachrichtungen Fahrzeugtechnik und Verkehrswesen. Sie werden von rund 55 Lehrkräften betreut und unterrichtet.