Ein Jahr Stabsstelle Fokus Bahn NRW: „Wir stärken den SPNV als Rückgrat der Verkehrswende.“

Mit Einrichtung der Stabsstelle Fokus Bahn NRW hat das Landesverkehrsministerium im vergangenen Jahr die Zusammenarbeit der Bahnbranche für einen besseren SPNV gestärkt. Stabsstellen-Leiterin Karin Paulsmeyer blickt auf zwölf arbeitsreiche Monate zurück. Im Interview beschreibt sie die Erfolge der Leistungsbilanz und die Idee, mit der Fokus Bahn den Herausforderungen von Pandemie und Verkehrswende begegnet.

Frau Paulsmeyer, im ersten Lockdown brachen die Fahrgastzahlen von jetzt auf gleich um satte 80 Prozent ein, die Bahnen in NRW fuhren einen Sonderfahrplan. Genau in dieser Zeit ging die Stabsstelle Fokus Bahn NRW an den Start. Wie haben Sie Ihre neue Aufgabe im Landesprogramm erlebt?

Karin Paulsmeyer: Natürlich hat die Coronakrise die Arbeit von Fokus Bahn NRW und damit auch die der Stabsstelle wesentlich beeinflusst. Aber das kann wohl jede Branche, jede Initiative und jedes Unternehmen von sich sagen. Diese Pandemie ist und bleibt eine enorme Herausforderung, eine Belastungsprobe für unsere Gesellschaft. Auch deshalb war es so wichtig, als ich vor einem Jahr die Leitung der Stabsstelle übernommen habe, die Zusammenarbeit zwischen dem Verkehrsministerium und den Akteuren der SPNV-Branche nachhaltig zu stärken. Ich denke, das ist sehr gut gelungen. Wir konnten die bewährten Strukturen der Branchenkooperation für das Pandemiemanagement nutzen, das Verkehrsangebot langfristig im Regelfahrplan stabilisieren, Hygienemaßnahmen zum Schutz von Mitarbeiter/innen und Fahrgästen etablieren oder auch die Schwerpunktkontrollen zur Maskenpflicht durchführen. Gleichzeitig konnten wir die Projekte von Fokus Bahn NRW fortsetzen und die Inhalte des Programms weiterentwickeln.

Ein zentrales Projekt von Fokus Bahn NRW ist die Gewinnung und Qualifizierung neuer Lokführerinnen und Lokführer. Wie funktioniert das in Coronazeiten?

Karin Paulsmeyer: Mit digitalen Formaten haben wir beziehungsweise die Bahnen in NRW Recruitingkampagnen und Ausbildungsangebote im Coronajahr 2020 erfolgreich fortgesetzt. Über ein von Fokus Bahn initiiertes, digitales Bewerbungstool haben sich beispielsweise mehr als 3.200 Interessenten bei den Eisenbahnverkehrsunternehmen in Nordrhein-Westfalen vorgestellt. Mit einem ersten, völlig neu konzipierten Fernlehrgang haben wir auch einen sehr erfolgreichen Schritt hin zur digitalen Ausbildung gemacht. Insgesamt fanden, nach der Verzögerung im ersten Lockdown, alle Umschulungskurse für Lokführer/innen im geplanten Umfang statt. Durch Pilotkurse konnten wir darüber hinaus zusätzliche Ausbildungsplätze für 125 zukünftige Lokführerinnen und Lokführer schaffen. Besonders stolz sind wir auch darauf, dass wir 50 neu zugewanderten Migranten durch maßgeschneiderte Vorbereitungskurse die Umschulung als Lokführer ermöglichen konnten. Wir haben uns die so oft beschworenen Digitalisierungschancen der Krise erschlossen. Denn die jetzt gesammelten Erfahrungen mit virtuellen Dialogformaten, Online-Jobkarten und Fernlehrgängen für Lokführer/innen werden auch nach der Pandemie für die Personalgewinnung in der Bahnbranche Bedeutung haben. Beispielsweise wird unser digitales Bewerbungstool nach wie vor rege genutzt. Monatlich bewerben sich darüber rund 400 Interessenten bei den Bahnen in NRW.

Wo sehen Sie darüber hinaus wichtige Programmschwerpunkte und Handlungsfelder? Fokus Bahn NRW engagiert sich ja nicht nur gegen den Fachkräftemangel.

Karin Paulsmeyer: Das stimmt. Die Leistungsbilanz von Fokus Bahn NRW umfasst deutlich mehr. Ein ganz wichtiges Teilprojekt zum Beispiel zahlt auf das Management bei Störfällen und Baustellen und die begleitende Fahrgastkommunikation ein. Wir haben es deshalb „Fokus Fahrgast“ genannt. Hier geht es um eine bessere Abstimmung der Eisenbahnverkehrsunternehmen und die Koordination des Leistungsangebotes im Sinne der Kunden. Dafür steht die in Duisburg eingerichtete SPNV-Regiezentrale NRW. Aktuell arbeiten dort rund 40 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Abellio Rail NRW, DB Regio NRW, Keolis und National Express an den bestmöglichen Verkehrslösungen für den Fahrgast. Im Laufe des Jahres kommen weitere Kolleginnen und Kollegen hinzu und mit der NordWestBahn im Dezember 2021 ein weiteres Eisenbahnverkehrsunternehmen. Zusammen decken die fünf Unternehmen dann rund 90 Prozent der Nahverkehrsleistungen auf der Schiene in Nordrhein-Westfalen ab. Damit erreichen wir, dass die Fahrgäste sowohl bei geplanten Großbaustellen im Netz als auch bei den vielen Störfällen, von denen immerhin täglich ein Drittel der NRW-Verkehre betroffen ist, abgestimmte Informationen und Fahrtmöglichkeiten unabhängig vom jeweiligen Betreiber bekommen.

Inzwischen sind wir in der dritten Pandemiewelle und öffentliche Verkehrsmittel bleiben zu maximal 50 Prozent ausgelastet. Das ist mit Blick auf den Infektionsschutz gewollt, aber einige Mobilitätsforscher befürchten nun das Aus für die Verkehrswende. Welche Chancen geben Sie dem SPNV zur langfristigen Erholung?

Karin Paulsmeyer: Nach einer Umfrage der Deutschen Bahn vom Herbst 2020 erwartet die Mehrheit der deutschen Bevölkerung, dass die Fahrgastzahlen wieder steigen, sobald die Corona-Beschränkungen aufgehoben sind. Daran sollte sich bis zum Ende der Pandemie, das wir alle herbeisehnen, nichts geändert haben. Ich bin mir sicher, dass der Wunsch nach einer Klima- und Verkehrswende gesellschaftspolitisch sehr fest verankert ist. Wenn Pkw wieder tagtäglich im Stau stehen, werden Busse und Bahnen wieder als Träger der Verkehrswende wahrgenommen und die Fahrgastzahlen werden wieder steigen. Das geht nicht von jetzt auf gleich. Die Pandemie und die Sorge vor einer Infektion werden den Menschen lange im Gedächtnis bleiben. Aber das Bedürfnis nach Mobilität wird auf Dauer stärker sein. Und eine klimagerechte Mobilität braucht nun einmal einen leistungsstarken SPNV.

Was bedeutet das für die Arbeit von Fokus Bahn NRW?

Karin Paulsmeyer: In der Pandemie stehen die Partner im Landesprogramm Fokus Bahn NRW durch eine enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit für die Stabilität des öffentlichen Verkehrsangebots ein. Daran wollen wir anknüpfen, wenn wir nach der Pandemie den SPNV zum Rückgrat der Verkehrswende ausbauen. Da darf es dann aber nicht eine bloße Rückkehr in den „alten“ SPNV geben. Das wird nicht ausreichen. Der SPNV der Zukunft braucht neue Leistungs- und Qualitätsstandards und deren Wahrnehmung im täglichen Erleben der Fahrgäste. Die Fahrgäste müssen ein neues Vertrauen in das System Schiene gewinnen. Dazu gehört unmittelbar nach der Pandemie das Vertrauen in ein kalkulierbares Infektionsrisiko. Auf lange Sicht müssen wir das Vertrauen in die Zuverlässigkeit des Angebots stärken. Das fängt bei der Pünktlichkeit an und hört beim Klimaschutz auf. Daran müssen wir arbeiten. Wir werden die in der Pandemie bewährte Zusammenarbeit fortschreiben und wir stärken den SPNV für die Verkehrswende. Wir stärken das Image des SPNV mit Blick auf eine krisenfeste und klimagerechte Mobilität.