„Genau jetzt gilt es, mutig und sichtbar zu sein“ – Lisa Gadomski (VDV) im Interview

Großes Potenzial und Mut zum Handeln – Lisa Gadomski, Projektleiterin der Arbeitgeberinitiative des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV), spricht im Interview über neue Wege und Perspektiven bei der Rekrutierung von Bewerbern. Sie ist sich sicher: Trotz der Krise bietet sich der Verkehrsbranche eine enorme Chance.

Inwieweit haben die derzeitigen Entwicklungen Bewerbungsprozesse verändert oder neue Herausforderungen geschaffen?

Lisa Gadomski: Die aktuelle Situation bedeutet für fast alle Unternehmen verständlicherweise eine enorme Umstellung. Das Konzept Homeoffice wurde beispielsweise früher in eher wenigen Unternehmen gelebt. Damit Mitarbeiter/innen und insbesondere Personaler/innen ihre Arbeit schnell fortführen konnten, mussten technische Grundvoraussetzungen geschaffen und sehr viele Prozesse digitalisiert werden. Viele Unternehmen haben hier wirklich schnell reagiert und damit den ersten notwenigen Schritt für eine weitere Rekrutierung überhaupt erst möglich gemacht: Bewerbungsgespräche laufen jetzt über Videokonferenzen oder per Telefon.

Viele Unternehmen anderer Branchen haben Rekrutierungsgprozesse gestoppt und lassen offene Stellen unbesetzt – erlebt auch die Verkehrsbranche einen Stillstand?

Lisa Gadomski: Nein, im Gegenteil. Ein Stillstand im Recruiting qualifizierter Bewerber/innen wäre für die Verkehrsbranche fatal. Der Fachkräftemangel, unter dem die Branche beispielsweise im Bereich der Lokführer massiv leidet, verschwindet ja nicht, weil in den Medien derzeit ein anderes Thema die Titelseiten für sich beansprucht. Auch Klimakrise und Klimaziele bleiben bestehen, die Verkehrswende wird auch in Zukunft dringend benötigt.

Es ist wichtig, dass wir als Verkehrsbranche nicht in eine Schockstarre verfallen und nur die Gegenwart sehen. Wir müssen weiterhin in die Zukunft blicken: Genau jetzt bietet sich hier eine Chance, weil sich viele potenzielle Bewerber/innen umorientieren wollen. Genau jetzt, in dieser unsicheren Zeit, gilt es, mutig und sichtbar zu sein. Wir bieten Sicherheit in einem systemrelevanten Beruf – ohne Verkehr läuft nichts. Genau da müssen wir ansetzen und dies kommunizieren. Ich erhalte von vielen Unternehmen die Rückmeldung, dass sich derzeit viele Interessenten aus den unterschiedlichsten Branchen melden.

Sehen Sie deshalb auch Chancen für die Verkehrsbranche?

Lisa Gadomski: Absolut. Die Verkehrsbranche bietet Sicherheit, Berufsfelder wie der Lokführerberuf werden auch in Zukunft existieren und systemrelevant sein. Sie tragen dazu bei, dass Menschen mobil sind.

Gleichzeitig können wir an den aktuellen Herausforderungen lernen und wachsen: Viele Unternehmen zeigen sich offen, die digitalisierten Prozesse auch nach der Krise beizubehalten. Beispielsweise können erste Bewerbungsgespräche auch zukünftig digital und ohne lange Anfahrtswege stattfinden, es zeigt sich ein neues Miteinander mit den Bewerberinnen oder Bewerbern. Alte, festgefahrene Prozesse können aufgebrochen und aus einer neuen Perspektive betrachtet werden.

Was ist Ihr Appell an die Bahnbranche?

Lisa Gadomski: Ich glaube, jetzt ist der Zeitpunkt, in dem Mut stark belohnt wird. Wenn sich die Unternehmen auf die Entwicklungen einlassen und schnell reagieren – und das tun sie meines Wissens schon sehr aktiv – bietet dies neue Möglichkeiten. Die Verkehrsbranche ist eine attraktive Branche mit Zukunft und großem Potenzial und dies muss kommuniziert werden, um möglichst viele qualifizierte Fachkräfte auf die beruflichen Perspektiven aufmerksam zu machen.


Auch im Podcast der VDV-Akademie „Nächster Halt“ hat Frau Gadomski über Recruiting aus dem Homeoffice gesprochen. Ein- bis zweimal wöchentlich sprechen hier Experten und Expertinnen aus Unternehmen, Wissenschaft und Politik über mobilitätsrelevante Themen.