Die VDV Academy & Training bringt die Kooperationsidee voran

Das Foto zeigt Menschen auf einem alten Bahngelände. Im Vordergrund an einem Stehtisch in einer Gesprächssituation.

Programm

02. September 2026

Die Branche übernimmt das Steuer bei Fokus Bahn NRW

Joachim Künzel und Peter Bosse, Geschäftsführer und Projektleiter bei der VDV Academy & Training GmbH, berichten über die Neuausrichtung von Fokus Bahn NRW.


Mit der VDV Academy & Training GmbH (VDV A&T) leistet der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) einen nrw- und bundesweit starken Beitrag zur langfristigen Sicherung qualifizierter Fachkräfte im öffentlichen Personenverkehr. Das Land Nordrhein-Westfalen unterstützt den Auftakt durch eine finanzielle Förderung; die VDV A&T soll dabei vor allem die Erfolgsgeschichte von Fokus Bahn NRW zu einer Brancheninitiative mit nationaler Ausstrahlung weiterentwickeln – schließlich ist der Fachkräftemangel ein Problem, das sich nur im nationalen Schulterschluss nachhaltig lösen lässt. VDV A&T-Geschäftsführer Joachim Künzel und Peter Bosse, Projektleiter Qualifizierung und Recruiting, erläutern im Interview, wie es mit Fokus Bahn NRW weitergeht und wie sie die Kooperationsidee in der gesamten Branche weiter voranbringen.

 

Ein Porträt von Joachim Künzel, VDV Academy & Training GmbH Quote

Spätestens 2029 soll Fokus Bahn NRW komplett von der Branche getragen werden, dafür schließen wir jetzt Vereinbarungen für die nächsten fünf Jahre.

Joachim Künzel

Geschäftsführer VDV Academy & Training GmbH

Die Projekte und Maßnahmen für Fokus Bahn NRW legt die Branche fest. Wir unterstützen dabei mit unserer Expertise und übernehmen gerne die Umsetzung.

Peter Bosse

Projektleiter Qualifizierung und Recruiting, VDV Academy & Training GmbH

Ein Porträt von Peter Bosse, VDV Academy & Training GmbH Quote

Nach dem Wunsch des Landes NRW soll Fokus Bahn NRW von der Branche selbst getragen werden. Dafür wurde die Gesamtsteuerung an die VDV Academy & Training übertragen. Wie gehen Sie diesen Auftrag an?


Künzel: Fokus Bahn NRW wird eigentlich schon immer in Teilen von der Branche getragen. Neben der Landesfinanzierung haben Aufgabenträger und Eisenbahnverkehrsunternehmen von Anfang an einen Teil der Kosten übernommen. Parallel zur Übertragung der Gesamtsteuerung auf die VDV Academy & Training zieht sich das Land nun sukzessive aus der Kernfinanzierung zurück. Die Aufgabenträger und Eisenbahnverkehrsunternehmen sollen dann komplett die Finanzierung übernehmen. Dafür verhandeln wir gerade eine Vereinbarung für die nächsten fünf Jahre. 


Bosse: Wir haben uns in einer Strategieklausur mit dem Land, den Aufgabenträgern und den Eisenbahnverkehrsunternehmen über die Themen von Fokus Bahn NRW in 2027 und den Folgejahren verständigt. Wichtig dabei: Die Themen, Projekte und Maßnahmen für Fokus Bahn NRW legt die Branche fest, nicht wir als VDV Academy & Training. Wo wir beauftragt werden, übernehmen wir dann gerne die Umsetzung. Für Fokus Bahn NRW führen wir aktuell die Kernprojekte „Qualifizierung und Recruiting“ sowie „Fahrgastinformation“. Daneben gibt es Themen, die Aufgabenträger und Eisenbahnverkehrsunternehmen in eigener Verantwortung bearbeiten –  so auch das „Qualitätsprogramm“ und das Aufgabenträger-Projekt „Zukunft SPNV-Wettbewerb“, diese Projekte sind bei uns assoziiert, werden also gezielt von uns begleitet, weil sie die gesamte Branche betreffen.


Die VDV Academy & Training GmbH ist eine ganz neue Gesellschaft des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV). Wo sehen Sie Ihre Rolle und Aufgaben?


Künzel: Die Idee, Fokus Bahn NRW in einer neuen VDV-Gesellschaft zu verorten, hat einen einfachen Grund: Der VDV repräsentiert nahezu die komplette öffentliche Mobilitäts-Branche – räumlich gesehen bundesweit und inhaltlich über den SPNV hinaus. Wir sind als neue Gesellschaft für die bundesweite Fachkräftesicherung im ÖPNV gestartet, und Fokus Bahn NRW ist dabei unser Referenzprojekt. Das heißt nicht, dass wir es eins zu eins auf jede andere Region oder jedes andere Thema übertragen können oder wollen. Aber wir haben in den vergangenen sieben Jahren sehr viel gelernt, was sich adaptieren lässt. Wir führen deshalb aktuell in vielen Bundesländern intensive Gespräche und veranstalten demnächst einen ersten Workshop für den ÖPNV-Sektor in Rheinland-Pfalz. Ein reines Ausrollen wird es dabei aber nicht geben: Wir schauen uns immer individuell an, welche Problemlagen vor Ort bestehen, und bringen die Maßnahmen aus Fokus Bahn NRW als Angebot mit, um darauf passende Antworten zu finden. Wichtig ist uns dabei, dass wir uns auf Lösungen konzentrieren, die wir in zwei, drei Jahren wirklich umsetzen können.


Ein Kernprojekt von Fokus Bahn NRW ist und bleibt die Personalgewinnung für den SPNV in Nordrhein-Westfalen. Welche konkreten Hebel setzen Sie dafür in den nächsten Jahren an?


Bosse: Zum einen setzen wir auf bewährte Hebel, die wir nicht neu erfinden, sondern konsequent fortführen und verbessern: den Ausbau und die Pflege unserer Netzwerke – mit Personalleitungen und Personalreferent:innen,  mit Geschäftsführungen, außerdem mit Bildungsträgern, mit der Arbeitsverwaltung und themenorientiert auch mit Gewerkschaften und weiteren Partnern, etwa im Bereich Sprachförderung. Zum anderen setzen wir 2026 zwei neue Schwerpunkte: das Projekt „Frauen auf den Führerstand!“ und den Einsatz von Künstlicher Intelligenz.


Worum geht es genau in diesen neuen Projekten?


Bosse: Im Projekt „Frauen auf den Führerstand!“ bündeln wir seit Jahresanfang die Kräfte der Eisenbahnverkehrsunternehmen und mehrerer Bildungsträger. Unser Ziel ist es, die Gewinnung und Qualifizierung von Triebfahrzeugführerinnen in NRW systematisch zu stärken – von der Ansprache bis zur Ausbildung und betrieblichen Begleitung. Interesse wecken allein reicht da nicht: Genauso wichtig ist es, die Arbeitsbedingungen und die Unternehmenskultur so weiterzuentwickeln, dass sich Frauen für den Beruf entscheiden und ihn auch langfristig ausfüllen können und wollen. Konkret wollen wir erreichen, dass in etwa fünf Jahren 25 Prozent der neu qualifizierten Mitarbeitenden auf dem Führerstand weiblich sind. Im Verwaltungsbereich haben wir diese Quote längst erreicht, beim operativen Personal liegen wir erst bei 6 bis 7 Prozent. Wir haben unser Ziel – oder besser: unseren Anspruch an dieses Projekt – also sehr hoch gesteckt.

Quote

Wir wollen erreichen, dass in etwa fünf Jahren 25 Prozent der neu qualifizierten Mitarbeitenden auf dem Führerstand weiblich sind.

Peter Bosse

Beim Thema Künstliche Intelligenz schauen wir auf zwei Ebenen: Ein Bildungsträger hat eine appbasierte Lernplattform entwickelt, die wir im vergangenen Jahr als Pilotprojekt unterstützt haben, ein digitales Nachschlagewerk, das eisenbahnspezifische Fragen beantwortet und den Unterricht begleitet. Weiter bietet es den tätigen Dozenten Hinweise, welche Themen im Unterricht noch vertieft werden sollten. Das ist sehr gut gestartet. Zusätzlich prüfen wir, wie wir KI auch in unseren eigenen Prozessen nutzen können, insbesondere beim Recruiting und bei unserer Jobkarte auf bahnen.nrw. Da sehen wir Potenzial, schneller und leichter erreichbar zu werden.


Fokus Bahn NRW ist vor allem für die gemeinsame Personalgewinnung bekannt. Inwieweit zahlt diese Arbeit auch auf die Fahrgastwirksamkeit ein – und an welchen weiteren Projekten arbeiten Sie dafür?


Künzel: Dass Personalgewinnung ein wichtiger Schlüssel zur Betriebsstabilität und damit für den Fahrgast wirksam ist, konnten wir in den vergangenen Jahren zeigen. Darüber hinaus gibt es unser zweites Projekt „Fahrgastinformation“. Es geht weit über die reine Information hinaus und setzt an den betrieblichen Prozessen an, die zu Störungs- oder Abweichungsinformationen führen und damit den Fahrgast akut betreffen. Dabei zeigt gerade dieses Projekt sehr gut, warum es Fokus Bahn NRW gibt und wo Kooperation in der Bahnbranche über die Personalgewinnung hinaus sinnvoll ist. Einzelne Eisenbahnverkehrsunternehmen könnten die Herausforderungen in Sachen Infrastruktur nicht allein bewältigen. Umso wichtiger ist, dass wir jetzt die DB InfraGO als Infrastrukturbetreiberin mit eigener Teilprojektverantwortung fest einbinden konnten.

Quote

Das Projekt Fahrgastinformation zeigt, wo Kooperation in der Bahnbranche sinnvoll ist. Einzelne Eisenbahnverkehrsunternehmen könnten das nicht allein bewältigen

Joachim Künzel

Ein Thema, das mir bei diesem Projekt persönlich am Herzen liegt, sind Schulungskonzepte, damit das Betriebspersonal die Bedürfnisse der Fahrgäste stärker im eigenen Handeln mitdenkt. Betriebliche Entscheidungen werden immer nach bestem Wissen für einen reibungslosen und wirtschaftlichen Betrieb getroffen, aber nicht immer ist klar, was sie für die Menschen auf dem Bahnsteig konkret bedeuten. Bei Fokus Bahn NRW steht immer der Fahrgast im Fokus. Im Kern geht es darum, dass Menschen mit SPNV und ÖPNV gut an ihre Ziele kommen.


Ein starkes Team für Fokus Bahn NRW

Neben Joachim Künzel und Peter Bosse gehören Lara Schankweiler und Marcus Amort zum Team der VDV A&T für Fokus Bahn NRW. Sie initiieren und managen Recruiting- und Qualifizierungsmaßnahmen zur Sicherung einer kontinuierlichen Personalgewinnung. Im Rahmen des Netzwerkmanagements und der Programmsteuerung agieren sie als zentrale Schnittstelle zwischen Akteuren, Partnern und Stakeholdern.


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