SPNV-Zielnetz NRW: Schritt für Schritt zur Verkehrswende

Programm

04. September 2025

„Ein realistischer Blick nach vorn zeigt auch die Herausforderungen“

Die Aufstellung der SPNV-Zielnetzkonzeptionen im Frühjahr 2022 gilt als Meilenstein in der mittel- bis langfristigen Angebots- und Infrastrukturentwicklung für den Schienenpersonennahverkehr in Nordrhein-Westfalen. Kai Schulte, Leiter des KC ITF, erläutert die Ziele der Planungen.


Wie kann Nordrhein-Westfalen den Nahverkehr auf der Schiene stärken und die Weichen für die Mobilitätswende stellen? Im Interview spricht Kai Schulte, Leiter des Kompetenzcenters Integraler Taktfahrplan NRW (KC ITF), über das landesweite SPNV-Zielnetz, die geplanten Zwischenstufen und Etappen sowie die zentralen Bausteine für die Verkehrswende – von neuen Taktkonzepten über Reaktivierungen und Elektrifizierungen bis hin zur Entlastung der Schieneninfrastruktur. Auf dem Weg dorthin stellen sich allerdings viele Herausforderungen. 

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Das Zielnetz basiert auf einem Leitbild, das die unterschiedlichen regionalen Strukturen in NRW berücksichtigt. Vom dichten Metropolraum bis zum ländlichen Raum braucht es jeweils passende, tragfähige Angebote.

Kai Schulte

Leiter Kompetenzcenter Integraler Taktfahrplan NRW (KC ITF)


Der Begriff „Zielnetz“ weckt Erwartungen. Worauf genau zielt das Zieletz?


Kai Schulte: Das Zielnetz beschreibt für den SPNV NRW einen klar definierten, langfristigen Zielzustand, der als Orientierung für Planungen und Investitionen dient. Dabei setzen wir bewusst ambitionierte, aber realistische Maßstäbe. Wenn wir die Mobilitätswende in NRW ernsthaft wollen, sind weitreichende Veränderungen und erste schnell wirkende Umsetzungen notwendig. Ohne diesen Mut bleiben wir bei bloßen Absichtserklärungen und verfehlen unsere Klimaschutzziele. Wichtig ist uns auch, dass wir konkrete Etappen aufgezeigt haben, da die Umsetzung nur Schritt für Schritt erfolgen kann.


Auf welchen Planungsprinzipien basiert das Zielnetz?


Kai Schulte: Das Grundprinzip bleibt der Integrale Taktfahrplan, also ein System mit festen, wiederkehrenden Abfahrtszeiten, durchdachten Anschlussverbindungen in Bahnknoten sowie einem ausgewogenen Mix aus S-Bahnen, Regionalbahnen und Regionalexpress-Zügen. Dieses System ermöglicht attraktive Reisezeiten und eine umfassende regionale Erschließung. Wir planen fahrplanbasiert: Zunächst wird das gewünschte Zielangebot definiert, dann folgt die Ermittlung des notwendigen Infrastrukturbedarfs. Dabei muss das Zielnetz kompatibel zum Deutschlandtakt sein und Etappen für die Umsetzung vorsehen; etwa 200 Maßnahmen wurden dafür für die Zwischenstufe definiert. Aktuell erfolgt die sogenannte Fahrplanrobustheitsprüfung, hier wird die praktische Umsetzbarkeit und Zuverlässigkeit des Zielnetzes überprüft.

Das SPNV-Zielnetz NRW ist ein verkehrsplanerisches Zukunftskonzept, das als Orientierung für betriebliche und bauliche Maßnahmen im Schienenpersonennahverkehr (SPNV) dient. Es wurde in enger Zusammenarbeit der drei SPNV-Aufgabenträger, des Landesverkehrsministeriums und des KC ITF als koordinierende Stelle entwickelt.

Welche Rolle spielt das Zielnetz für die Zukunft des SPNV in NRW?


Kai Schulte: Zum einen dient es als Richtschnur für Planungen im SPNV, etwa für Nahverkehrspläne, Verkehrsverträge und Infrastrukturinvestitionen. Es schafft Planungssicherheit – bis hin zur kommunalen Ebene, zum Beispiel für die Entwicklung sinnvoller Verkehrsverknüpfungspunkte. Zum anderen ermöglicht es eine professionelle Abstimmung mit den Nachbarländern und dem Bund im Rahmen des Deutschlandtakts. NRW weiß damit, wohin die Reise im SPNV gehen soll.


Was sind die entscheidenden Neuerungen in den kommenden Jahren?


Kai Schulte: Kernelemente sind der Rhein-Ruhr-Express, neue S-Bahn-Konzepte für die Ballungsräume Köln, Düsseldorf, Münsterland und Ostwestfalen-Lippe. Weitere Maßnahmen sind Reaktivierungen, zusätzliche Haltepunkte, neue Stellwerke, Elektrifizierungen und alternative Antriebe für mehr Klimaschutz.


Wie werden Fahrgäste das merken?


Kai Schulte: Durch dichtere Takte, verkürzte Reisezeiten, reaktivierte Strecken, neue Haltepunkte, andere Fahrzeuge und eine insgesamt stabilere Betriebsqualität.


Das klingt alles sehr positiv. Gibt es auch ein „Aber“?


Kai Schulte: Ein realistischer Blick nach vorn zeigt die Herausforderungen: Es fehlen an vielen Stellen die nötigen Investitionen für Angebot und Infrastruktur. Wer die Mobilitätswende ernsthaft voranbringen will, muss nicht nur zusätzliche Mittel bereitstellen, sondern auch vorhandene Gelder gezielt in nachhaltige Mobilität umschichten. Gleichzeitig braucht es Personal – nicht nur im Fahrdienst, sondern auch bei Planung und Bau. Und: Die Planungsprozesse müssen vereinfacht werden. Warum etwa muss jede Änderung im Gleisfeld automatisch einen kompletten Neubau der Oberleitungen mit ganz anderen Konstruktionen der tragenden Masten nach sich ziehen?


Wo sehen Sie die Herausforderungen?


Kai Schulte: Ohne ein ambitioniertes Zielnetz und eine klare Fokussierung auf nachhaltige Verkehrsangebote sind die Klimaziele kaum erreichbar. Viele Maßnahmen zahlen direkt in die Klimabilanz ein. Entscheidend ist aber, dass die Rahmenbedingungen derzeit noch nicht ausreichen, um die gesteckten Ziele schnell zu erreichen. Aktuell steht die Sicherung der Bestandsverkehre im Vordergrund, Themen wie die Priorisierung von Maßnahmen mit hohem Wirkungsgrad oder Förderung qualitativ durchschlagender Vorhaben rücken leider oft in den Hintergrund. Ich hoffe, dass die jüngst im Juli unterzeichnete Kooperationsvereinbarung zwischen dem Land und der DB mit dem Ziel einer engeren Zusammenarbeit hier einen neuen Schub gibt.


 
Das Bild zeigt einen wartenden Menschen vor einem Zug. Das Schriftsymbol CO2 markiert den Beitrag des Schienenverkehrs zum Klimaschutz.
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