„ÖPNV schafft für ältere Menschen Anschluss an die Gesellschaft“ – Jürgen Jentsch (LSV NRW)

Mal eben zum Supermarkt, kurz zum Arzt und auf dem Weg zurück am Lieblingscafé vorbei – uneingeschränkt mobil sein zu können, bedeutet Lebensqualität. Gerade die letzten Monate haben gezeigt: Für viele Menschen ohne eigenen Pkw ist der öffentliche Nahverkehr deshalb wichtiger Bestandteil ihrer täglichen Wege. Jürgen Jentsch, Vorstand der Landesseniorenvertretung NRW und Vorsitzender des Seniorenbeirats Gütersloh, betont: Mobilität sei mehr als der Ortswechsel von A nach B. Nicht nur in Zeiten von Corona zeige der ÖPNV seine entscheidende Rolle gegen Vereinsamung und Altersarmut.

Viele Menschen in NRW sind der Bitte nachgekommen, ihre Kontakte zu verringern und Zuhause zu bleiben. Die Fahrgastzahlen im ÖPNV sind in dieser Zeit zurück gegangen – nun wird es vorrangig darum gehen, den Verkehr auf der Schiene wieder zu stärken. Wie erleben Sie die Situation mit Blick auf die Generation 60 plus?

Herr Jentsch: Für viele Menschen, mit denen ich gesprochen habe, hat Corona den Alltag ganz deutlich verändert. Sie haben sich unsicher gefühlt – aber nicht im ÖPNV, sondern in ihrer allgemeinen Situation. Ganz gewöhnliche Dinge wie Einkaufen, die wöchentliche Runde zum Kartenspiel oder Vereinstreffen haben nicht mehr stattgefunden. Der Apell war klar: Bleibt Zuhause, vermeidet Kontakte. Hier hat sich in meinen Augen auch noch einmal gezeigt, dass der öffentliche Nahverkehr zur Daseinsvorsorge zählt: Er bringt nicht nur Menschen von A nach B, sondern trägt enorm zum sozialen Leben und der sozialen Inklusion bei. Er unterstützt gerade ältere Menschen dabei, wortwörtlich den Anschluss an die Gesellschaft nicht zu verlieren. Er vernetzt sie mit ihrem alltäglichen Leben, mit Kontakten und mit der Möglichkeit, eigenständig über ihren Tag entscheiden zu können. Nicht jeder möchte Verwandten anrufen um ihre Hilfe als Chauffeur oder Chauffeurin bitten – und nicht jeder hat überhaupt diese Option. Auch mit dem Blick auf die steigende Altersarmut ist das ein wichtiger Aspekt, denn das Taxi zum regelmäßigen Kontrolltermin beim Arzt kann eine enorme finanzielle Belastung werden. Corona hat zudem etwas deutlich hervorgehoben, was schon lange für viele ältere Menschen keine Seltenheit mehr ist: Vereinsamung und Isolation. Gerade deswegen ist klar, wie wichtig die Aufgabe des ÖPNVs ist und dass er auch weiterhin gebraucht wird. Viele von uns freuen sich sehr, wenn sie wieder einsteigen und losfahren können.

Deswegen wird es ja auch jenseits des Ballungsraums immer wichtiger, funktionierende Alternativen zum Motorisiertem Individualverkehr zu finden. Wo sehen Sie gute Ansätze hierzu, wo gibt es Verbesserungsbedarf? Und was muss geschehen, um hier erfolgreich zu sein?

Herr Jentsch: Immer wieder hört man das Wort Mobilitätsmix – und das ist auch gut so. Wichtig ist, dass wir dabei nicht nur an moderne E-Roller, schicke Fahrräder und Car-Sharing denken. Auch ältere Menschen sollten in diesem Mix bedacht werden: Mit Bürgerbussen oder Taxiangeboten werden in vielen ländlichen Regionen bereits neue Angebote geschaffen, um den Zugang zu öffentlichen Verkehrsmitteln zu erleichtern. Viele Bahnhöfe haben in der letzten Zeit deutliche Fortschritte hinsichtlich Barrierefreiheit durch Fahrstühle, ebenerdige Einstiege oder geräumige Fahrzeuge geschaffen. Doch machen wir uns nichts vor: Es gibt noch viel Optimierungsbedarf. Zum Beispiel, wenn man als Person mit Rollator in einen ICE einsteigen möchte – oder wenn aus einer 20-Minuten-Fahrt durch Störfälle plötzlich zwei Stunden werden und das an den körperlichen Kräften zerrt.

Gerade im Störfall sind verlässliche Informationen und alternative Fahrtempfehlungen entscheidend, damit der Nahverkehr als zuverlässig empfunden wird. Wo sehen Sie, mit Blick auf die Generation 60 plus, den größten Verbesserungsbedarf? Welche Informationskanäle sind besonders wichtig?

Herr Jentsch: Ich buche meine Tickets tatsächlich immer online mit dem Computer und habe damit sehr gute Erfahrungen gemacht. Sicher wäre es aber hilfreich, eine allgemein bekannte Telefonnummer bzw. Anlaufstelle zu haben, um Auskünfte zu bekommen.