Partnerschaftlich gegen Personalmangel: Die Ausbildung der Zukunft

Der Bedarf an Lokführern insbesondere für die großen Betriebsaufnahmen beim RRX und der S-Bahn Rhein-Ruhr hat die neuen Betreiber vor immense Herausforderungen gestellt. Können sich die Personalabteilungen bald entspannt zurücklehnen, wenn für diese Srecken ausreichend Fahrpersonal gefunden ist? Wie sieht der Personalbedarf aus in der Zeit danach und was sind die Ausbildungsmodelle der Zukunft? Fragen an Heinrich Brüggemann, Leiter des Projekts „Gemeinsame Qualifizierung“.

Die extrem angespannte Personalsituation im Zuge der großen Betreiberwechsel beim RRX und bei der S-Bahn Rhein Ruhr ist nach wie vor deutlich spürbar. Wie sehen Sie die aktuelle Situation und vor allem: wie sollte Ausbildung aussehen, um solche Engpässe in Zukunft zu vermeiden?

Heinrich Brüggemann: Der ohnehin gravierende Fachkräftemangel innerhalb der Branche ist kurzzeitig noch einmal deutlich dadurch verschärft worden, dass infolge der Corona-Pandemie die Ausbildung auch bei Abellio vorübergehend nicht wie gewohnt fortgeführt werden konnte. DB Regio fährt nun, trotz eigener Belastungen in dieser Situation, gemeinsam mit Abellio einige Monate im Mischbetrieb auf der Strecke. Hier hat sich gezeigt, dass die Mitglieder von Fokus Bahn trotz Wettbewerbssituation als verlässliche Partner zusammenarbeiten. Ein wichtiges Signal an die Fahrgäste: Wir wollen, dass ihr euch auf die Bahnen in NRW verlassen könnt!

Dabei darf man natürlich nicht stehen bleiben: im nächsten Schritt heißt es zu fragen, wie sehen belastbare Lösungen aus, um solche krisenhaften Situationen des Lokführermangels zukünftig zu vermeiden.

Das heißt, selbst wenn alle neu aufgenommenen Verkehre über genügend Lokführer/innen verfügen, können wir nicht von einer entspannten Personallage ausgehen?

Heinrich Brüggemann: Allein vor dem Hintergrund des demografischen Wandels wird der Bedarf an qualifizierten Lokführern in den kommenden Jahren eine bleibende Herausforderung sein. Rund 40 Prozent der Mitarbeiter werden in den kommenden 5 Jahren in den Ruhestand gehen, die Nachfrage nach Lokführer/innen wird also stetig steigen. Anders als bei Betriebsaufnahmen wird hier der Bedarf nicht in großer Zahl an einzelnen Standorten zu decken sein, sondern kontinuierlich über das Land verteilt für verschiedene Einsatzstellen erfolgen müssen. Eine Situation also, in der es schwieriger wird für einzelne Unternehmen, an einem Standort einen Kurs zu füllen. Hier muss man als Branche handeln und gemeinsame unternehmensübergreifende Lösungen angehen, um kontinuierlich Personal nachzuführen und Mangelsituationen, wie wir sie heute erleben, zukünftig zu vermeiden.

Anders als in vielen anderen Branchen war es im SPNV lange unüblich, kontinuierlich Personal auszubilden. Warum ist das so und welche Konsequenzen hat dies für die Personalsituation?

Heinrich Brüggemann: Wenn wir zurückblicken, dann wird das sehr schnell klar: Wir kommen aus einer Monopolsituation, aus einer Phase des harten Wettbewerbs gegeneinander - der Branchengedanke, das Vertrauen in gemeinsame Lösungen, das Bewusstsein, dass wir als System funktionieren müssen, all das hat sich erst entwickeln müssen. Solange jeder nur sein eigenes Unternehmen im Blick hatte, war völlig klar, dass jedes Eisenbahnverkehrsunternehmen entsprechend seines eigenen Bedarfs ausgebildet hat – und dieser war an Betriebsaufnahmen und gewonnene Ausschreibungen geknüpft. Die laufende Fluktuation hat man durch Mehrleistungen oder Urlaubsverschiebungen punktuell überbrücken können – verbunden mit einer entsprechenden Belastung des Personals. Mittlerweile aber spürt die Bahnbranche auf dem Fachkräftemarkt empfindlich die Konkurrenz anderer Branchen. Die Attraktivität als Arbeitgeber hat mit zunehmendem Fachkräftemangel enorm an Bedeutung gewonnen. Dazu gehört auch ein schneller Rekruitierungsprozess: Wenn sich jemand für den Beruf interessiert, können wir ihn nicht Monate bis zum nächsten Ausbildungsstart hinhalten – wir müssen zeitnah seine Ausbildung oder Umschulung möglich machen. Das geht natürlich in gemeinsamen Kursen, wie es jetzt bei der Westfalenbahn, Keolis und National Express der Fall ist, viel effektiver. Und gemeinsam können wir von einander profitieren, wenn es darum geht, neue Wege zu gehen und innovative Ausbildungsformen zu etablieren.

Was für Innovationen erwarten Sie? Wie könnte die Ausbildung der Zukunft aussehen?

Heinrich Brüggemann: Ich denke, dass die Ausbildung der Zukunft in einem Mix unterschiedlicher Unterrichtsformen liegt. Fernlehrgänge für den theoretischen Teil der Ausbildung beispielsweise beginnen nun langsam, sich auch in der SPNV-Branche durchzusetzen und sie bieten großes Potenzial, weil sich flexibel und ortsunabhängig Kurse bilden lassen. Wir als Initiative werden diesbezüglich Erfahrungen sammeln, daraus lernen und Lösungen für die Branche entwickeln und optimieren – und den Partnern der Initiative als Motivator, Unterstützer und Ideengeber zur Seite stehen.