Das 9-Euro-Ticket als „Signal des Aufbruchs“

Eine Pilotstudie im Auftrag von Fokus Bahn NRW geht in tiefenpsychologischen Interview der Wahrnehmung, den Motivationen, den Störstellen und Sehnsüchten von 9-Euro-Ticketnutzer/innen nach.

52 Millionen Menschen haben das 9-Euro-Ticket gekauft und in ihren Mobilitätsalltag eingebaut. Das rheingold institut, Köln, hat im Auftrag von Fokus Bahn nach den Erfahrungen der Menschen gefragt. Eine zentrale Erkenntnis: Das 9-Euro-Ticket wird als ein Aufbruchssignal gewertet, als eine Art Befreiungsschlag: Deutschland kann auch „anders“! Die Politik habe pragmatische, einfache und für jeden erschwingliche Lösungen für ein konkretes Problem gefunden: die enorm gestiegenen Lebenshaltungs- und Mobilitätskosten.

 

Günstiger Preis und Vereinfachung als zentrale Zugangsmotive

Wie haben die Menschen auf das 9-Euro-Ticket reagiert? Welche Erfahrungen haben sie gemacht und welche Wünsche haben sie für die Zeit, wenn das Angebot ausläuft? Das rheingold institut ist diesen Fragen in ausführlichen qualitativ-psychologischen Interviews unter Nutzer/innen des 9-Euro-Tickets nachgegangen. Hauptmotiv der Fahrgäste, sich das Ticket zuzulegen, war der Preis. Durch das einfache Konzept: „9 Euro pro Monat, deutschlandweit“, sei ein Gefühl erzeugt worden, dass sich nun wirklich jeder den Öffentlichen Personennahverkehr leisten kann. Von „volksnahen“ Angeboten und „volksnahen“ Preisen war die Rede: „Einfach einsteigen und losfahren – egal wohin.“ „Die Menschen wollen ein einfaches Tarifsystem. Daran sollten wir zusammen mit Bund und Ländern schnellstmöglich arbeiten“, erklärt Joachim Künzel, Geschäftsführer des Nahverkehrs Westfalen-Lippe (NWL) und Programmleiter Fokus Bahn NRW.

 

Gewisses Verständnis für Systemschwächen

Gleichzeitig zeige die Befragung, dass das 9-Euro-Ticket als ein Angebot für eine generelle Teilhabe an einem gemeinschaftlichen Ganzen gesehen wird. Ebenfalls positiv werden die ökologischen Folgen des 9-Euro-Tickets gewertet, man habe einen Akt der Solidarität in Sachen Klimaschutz geleistet. „Neben dem Preis gibt es weitere gewichtige Gründe, warum das 9-Euro-Ticket so gut angekommen ist. Diese Vorteile des ÖPNV muss die Branche auch in Zukunft für sich einnehmen und noch intensiver kommunizieren“, erklärt Stephan Urlings, Geschäftsführer des rheingold instituts und verantwortlich für die Studie. 

Generell war zu beobachten, dass die Interviewten den Öffentlichen Personennahverkehr durch das 9-Euro-Ticket anders bewerteten. Zwar würden die Probleme der Branche (Verspätungen, Zugausfülle, überfüllte Busse und Bahnen) immer noch gesehen, doch offenbar werde wegen des günstigen Preises häufiger Verständnis für die Verkehrsbetriebe gezeigt („Die können doch auch nichts dafür“).

 

Nachfolge-Produkt muss zeitnah kommen

So positiv die Erfahrungen mit dem 9-Euro-Ticket in den Befragungen waren, könnten sie bei enttäuschten Erwartungen in ein baldiges Nachfolgeangebot ins Gegenteil umschwenken. Teils mische sich hier Wut („Dann gibt es Kasalla“) mit Verzweiflung („Man mag es sich nicht vorstellen…“). Dabei zeigten sich die Interviewten kompromissbereit: So gebe es sowohl Verständnis dafür, dass der niedrige Preis nicht beibehalten werden kann, als auch ein Bemühen, eine vernünftige Lösung beispielsweise für einen angepassten Preis (im Schnitt zwischen 29€ und 49€ pro Monat) zu finden. „Die Menschen erwarten ein insgesamt akzeptables Preis-Leistungsangebot. Viele Kunden haben aufgrund des Preises über einige Schwächen im System hinweggesehen, an denen wir als Branche nun parallel arbeiten müssen. Wir als Eisenbahn-Verkehrsunternehmen wollen unseren Beitrag hierzu gerne leisten“, sagt Marcel Winter, Geschäftsführer National Express und ebenfalls Mitglied der Programmleitung Fokus Bahn.

 

Zur Studie: Das rheingold institut hat im Juli 2022 zwölf ausführliche Video-Tiefeninterviews geführt. Jeweils hälftig berücksichtigt wurden Frauen und Männer, ländliche und städtische Einwohner/innen, Abonnent/innen und Neueinsteiger/innen aus NRW. Bei Alter, Einkommen, Bildung, Verbundraum wurde auf eine breite Streuung geachtet, alle Befragten waren berufstätig.