Verkehrswende trotz Corona? 3 Fragen an Dr. Frederic Rudolph vom Wuppertal Institut

Trotz der Coronakrise bleibt die Verkehrswende ein zentrales, gesellschaftspolitisches Zukunftsthema. „Die Bahnen sind systemrelevant für die Menschen, die weder Auto fahren können noch wollen“, weiß Dr.-Ing. Frederic Rudolph vom Wuppertal Institut. Im Kurzinterview erklärt er, welche Rolle die Bahnen in NRW jetzt übernehmen können, damit die Verkehrswende weitergeht.

Vor der Corona-Krise konnten die Bahnen in NRW immer wieder neue Rekorde bei den Fahrgastzahlen verzeichnen. Dann kam der Lockdown und der Pkw war wieder eine Mobilitätsempfehlung. Wie steht es um die Verkehrswende in Pandemiezeiten?

Rudolph: Im Lockdown konnte man miterleben, dass klimaschädliche Fahrten mit dem Pkw deutlich reduziert werden können. Die Verkehrswende ist ein langfristiges Vorhaben, das aber sofort starten muss. Das hat sich nicht geändert. Die Verkehrsmittel des Umweltbundes, zu denen neben Bus und Bahn auch das Fahrrad und das Laufen zu Fuß gehören, sind weiterhin die Lösung für klimafreundlichen Verkehr. In Pandemie-Zeiten müssen wir freilich unser Verhalten rücksichtsvoller gestalten, mit Mundschutz im Zug genauso wie beim Frisör oder im Supermarkt.

Welche Rolle spielen die Eisenbahnverkehrsunternehmen bei der Verkehrswende?

Rudolph: Die Bahn ist systemrelevant für unser Klima. Sie ist außerdem systemrelevant für die Menschen, die nicht Auto fahren wollen oder können. Wir haben hier in Deutschland ein engmaschiges Schienennetz bei hoher Bevölkerungsdichte. Davon werden wir profitieren, weil der Klimaschutz zusätzlichen Druck ausübt, die Verkehrsmittel zukunftsfähig gestalten. Die Folge werden moderne Mobilitätsdienstleister, die dem privaten Pkw den Rang ablaufen. Die Eisenbahnunternehmen sollten deshalb weiterhin serviceorientierter werden. Kundenbetreuung im Zug und am Bahnsteig sind wichtige Bestandteile für Konkurrenzfähigkeit. In Sachen Komfort muss ebenfalls nachgelegt werden, Investitionen in den Fuhrpark und in die weitere Infrastruktur sind nötig.

Was brauchen wir jetzt für ein zukunftsfähiges Verkehrswendekonzept?

Rudolph: Viele Pendler erhoffen sich einen Arbeitsweg ohne Auto, allein er muss komfortabel und zügig möglich sein. Wir brauchen öffentlichen Verkehr in und zwischen den Metropolen. Die Frequenz vieler Regionalverbindungen in die Metropolen müsste massiv erhöht werden. In den ländlicheren Gebieten kann das elektrifizierte Auto eine wichtige Rolle spielen. Aber auch dort gibt es sinnvolle Alternativen zum Pkw, etwa Bike+Ride – ein Thema, in das der öffentliche Verkehr ebenfalls investieren muss.