Luftfahrt in der Krise: Lokführer/innen-Umschulungen sind eine Chance für Beschäftigte von Flughäfen und Fluggesellschaften

Corona hat den Luftverkehr in NRW schwer getroffen. Fast drei Viertel der Fluggäste sind 2020 ausgeblieben. Jetzt geht Fokus Bahn NRW gezielt auf die Flugbranche zu. Lokführer/innen-Umschulungen und weitere Möglichkeiten zum Quereinstieg bei den Bahnen in NRW bieten Perspektiven für die Beschäftigten in der Luftfahrt, die aktuell von Kurzarbeit oder Jobverlust betroffen sind. Von einer Kooperation der Mobilitätspartner/innen wird langfristig die gesamte Reise- und Tourismusbranche profitieren.

Bahnbranche bleibt ein Arbeitgeber der Zukunft

Die Coronakrise hat auch im NRW-Nahverkehr die Fahrgastzahlen einbrechen lassen. Rund 58 Prozent aller Bus- und Bahnkunden sind deutlich weniger unterwegs als zuvor. Im Vergleich zur Luftfahrt stehen die Bahnen in NRW allerdings gut da: An den sechs Hauptverkehrsflughäfen in NRW blieben nach IT.NRW im Jahr 2020 fast drei Viertel aller Fluggäste aus, im Monat Dezember wurden sogar 87 Prozent weniger Passagiere gezählt. Der Statistik zufolge ist das Flugzeug unter allen Verkehrsmitteln der größte Verlierer in der Pandemie. Der Flughafenverband ADV warnt mittlerweile vor akut drohender Arbeitslosigkeit von 45.000 Mitarbeiter/innen von Flughäfen und Fluggesellschaften bundesweit.

Die Bahnen in NRW dagegen bereiten sich auf den Neustart der Verkehrswende nach der Coronakrise vor. Die Umschulungsangebote für Lokführer/innen laufen trotz Pandemie in vollem Umfang weiter und die Eisenbahnverkehrsunternehmen suchen in vielen anderen Servicebereichen neue Mitarbeiter/innen.

Vergleichbare Berufsbilder in Bahnbranche und Luftfahrt

„Wir Eisenbahnverkehrsunternehmen und Partner der Initiative Fokus Bahn NRW können uns sehr gut vorstellen, enger mit den Fluggesellschaften zusammenzuarbeiten und deren Mitarbeiter/innen in Umschulungen zu bringen. In den Berufen der Luftfahrt und der Schiene gibt es schließlich viele Parallelen. Pilot/innen und Lokführer/innen etwa tragen eine enorm hohe Verantwortung für ihre Passagiere und bringen sie sicher an ihre Ziele“, sagt dazu Kathrin Beckmann, Recruiterin von Keolis Deutschland.

Ein Austausch zwischen Fokus Bahn NRW und dem Flughafen Köln/Bonn ist mit einer ersten Informationsveranstaltung bereits gestartet.

Sichere Arbeitsplätze bei den Bahnen in NRW

Ein Beruf im Schienenpersonennahverkehr ist für Beschäftigte in der Luftfahrt nicht erst seit der Coronakrise eine zukunftssichere Alternative. „Nach der Air-Berlin-Insolvenz beispielsweise haben wir vier ehemalige Flugbegleiterinnen bei uns beschäftigt“, erklärt Dirk Pohlmann, Unternehmenssprecher der Deutschen Bahn AG in NRW. „Jetzt in der Krise kommen auch vermehrt Mitarbeiter/innen anderer Fluggesellschaften“, so Pohlmann weiter.

Zu diesen gehört auch Janet Roggenbock, die aktuell zur Kundenbetreuerin im Nahverkehr beim DB-Team Münster umschult. Knapp 13 Jahre war sie als Flugbegleiterin tätig. „In dieser Zeit musste ich vier Mal den Arbeitgeber wechseln. Der harte Wettbewerb in der Flugbranche führt viele Gesellschaften immer wieder in die Insolvenz“, erzählt die 36-Jährige. „Eigentlich wollte ich immer fliegen, aber ich habe auch schon vor der Coronakrise über einen Branchenwechsel nachgedacht.“ Im April wird sie ihre Umschulung abschließen und freut sich auf einen geregelten Schichtdienst sowie über ein Gehaltsplus von 100 Euro im Vergleich zu ihrer vorherigen Tätigkeit als Kabinenchefin. „Ich hatte bei meinem letzten Arbeitgeber eine leitende Position, die mir auch zeitlich einiges abverlangt hat. Bei der Bahn habe ich da einen vergleichsweise festen Schichtplan und ich werde sogar schon gleich nach der Umschulung mehr verdienen. Das hätte ich vorher nicht gedacht“, erklärt Roggenbock, die sich um ihre berufliche Zukunft jetzt keine Sorgen mehr macht.

Seit Ausbruch der Pandemie gab es bei den Bahnen in NRW keine Kurzarbeit. „Trotz rückläufiger Fahrgastzahlen halten wir unser Angebot weitgehend aufrecht“, sagt DB-Unternehmenssprecher Dirk Pohlmann. Denn eins ist klar: Nach der Coronakrise wird die Verkehrswende hin zur Schiene fortgesetzt. Dafür brauchen die Eisenbahnverkehrsunternehmen qualifizierte und motivierte Mitarbeiter/innen. Die Zusammenarbeit der Wettbewerber im Landesprogramm Fokus Bahn NRW steht somit auch für sichere Arbeitsplätze.

Schulterschluss für die Reisebranche

Die Bahnbranche bietet sich der Luftfahrt aber nicht nur in der Coronakrise als Partner an. Wenn die Pandemie durch wachsende Impfzahlen endet, sollen Zug und Flug stärker als bisher gemeinsam an den Start gehen. Kathrin Beckmann ist sich sicher: „Der Tourismus wird sich verändern. Die junge Generation setzt beim Reisen auf Nachhaltigkeit und fährt lieber Bahn als zu fliegen.“ Vor diesem Hintergrund können sich die Bahnen in NRW eine branchenübergreifende Zusammenarbeit mit den verschiedenen Unternehmen der Luftfahrt vorstellen.

Deutsche Bahn und Lufthansa haben da für den Inlands-Fernverkehr schon ein starkes Zeichen gesetzt und sich gemeinsam für eine stärkere Vernetzung ihrer Verkehrsangebote ausgesprochen. Schnelle, komfortable und zuverlässige Bahnverbindungen an die Drehkreuze sollen Inlandsflüge zunehmend ersetzen. Zug statt Flug ist das Motto der Mobilitätspartnerschaft, die letztendlich die gesamte Reise- und Tourismusbranche stärken soll.