„Wir müssen die Sicherheit im SPNV vom Fahrgast her denken“

Die subjektive Sicherheit spielt eine zentrale Rolle, wenn es um die Entscheidung für oder gegen ein Verkehrsmittel geht. Fokus Bahn NRW setzt daher auf ein unternehmensübergreifendes Sicherheitskonzept im SPNV. Kilian Schäfer (VRR) leitet das neue Projekt „Fokus Sicherheit“ und erklärt das Konzept zukünftiger Sicherheitsarbeit, bei der auch Sicherheitteams im Blickpunkt steht.

Die Sicherheit gilt seit jeher als zentrales Leistungs- und Qualitätsmerkmal für das System Schiene. „Fahrgäste wollen nicht nur pünktlich befördert werden, sondern auch sicher unterwegs sein“, betont Kilian Schäfer. Das Kompetenzcenter Sicherheit NRW (KCS) beim Verkehrsverbund Rhein-Ruhr liegt bereits seit über fünf Jahren in seinem Verantwortungsbereich. Im Landesprogramm Fokus Bahn NRW hat er nun die Verantwortung für das neue Projekt Fokus Sicherheit übernommen.

Die Arbeit des KCS setzt sich aus den Bereichen Wissenstransfer und Networking, Monitoring der Sicherheitslage, landesweite Projekte und Standards sowie den sicherheitsrelevanten Sonderthemen zusammen Im Rahmen von Fokus Bahn NRW wollen wir künftig noch ergebnisorientierter zusammenarbeiten und entwickeln einen konzeptionell gänzlich neuen Ansatz für die unternehmensübergreifende Sicherheitsarbeit im SPNV. Bei Fokus Bahn kommen die Vertreter der Bahnunternehmen, der Aufgabenträger und des Verkehrsministeriums regelmäßig zusammen, um sich über die wichtigsten Themen und Maßnahmen im NRW-SPNV zu verständigen und entsprechende Maßnahmen zu verabschieden. Das bietet gute Möglichkeiten einer effizienten Steuerung“, so Schäfer weiter.

 

Die Sicherheitslage im SPNV Nordrhein-Westfalens ist stabil

Das Projekt „Fokus Sicherheit“ folgt dem Wunsch der Eisenbahnverkehrsunternehmen nach einer verstärkten Prävention und mehr Schutz für ihre Mitarbeitenden. „Das ist nicht zuletzt eine Reaktion auf die zunehmenden Aggressionen, die wir in der Corona-Pandemie beobachten konnten. Gerade bei den Kontrollen zur Maskenpflicht kam es häufiger zu Übergriffen einzelner Fahrgäste auf das Begleitpersonal und auch auf Mitreisende. Das waren und sind immer Einzelfälle, Doch auch jeder Einzelfall ist einer zu viel. Der Umstand, dass die Maskenpflicht in den meisten Bereichen seit dem 19.03.2022 weggefallen ist, jedoch im ÖPNV weiterhin gilt, verstärkt das Unverständnis und die damit einhergehenden Aggressionen bestimmter Fahrgäste noch zusätzlich. Die aktuellen Statistiken aus unserer Sicherheitsdatenbank zeigen hier ein klares Bild, erläutert Schäfer die Hintergründe zum Projektstart und betont: „Insgesamt bewegt sich die objektive Sicherheitslage im SPNV Nordrhein-Westfalens auf einem stabilen Niveau und hat sich den vergangenen Jahren nicht verschlechtert. Im Gegenteil, die Zahl der sicherheitsrelevanten Vorfälle, die wir in unserer landesweiten Datenbank erfassen, ist konstant und war zuletzt sogar leicht rückläufig. Dennoch gibt es natürlich noch viele „Baustellen“, denen wir uns widmen müssen, um den Fahrgästen auch in Zukunft einen möglichst sicheren und attraktiven ÖPNV zu bieten“.

 

Das Sicherheitsgefühl rückt verstärkt in den Fokus

Dem entsprechend hatte sich auch das durchschnittliche Sicherheitsempfinden der Fahrgäste im Jahr vor der Pandemie leicht verbessert, wie der Sicherheitsbericht NRW 2020  belegt. „Allerdings ist die Sicherheit im SPNV ein sehr emotionales Thema und das Sicherheitsgefühl der Fahrgäste kann schon durch wenige Vorfälle negativ beeinflusst werden. Beispielsweise durch Vorfälle mit hoher Medienwirksamkeit oder eben auch durch die Pandemie und der Angst sich im ÖPNV mit Covid-19 anzustecken. Deshalb müssen wir die Sicherheit im SPNV immer vom Fahrgast her denken“, meint Schäfer.

Das Projekt „Fokus Sicherheit“ setzt hier auf einen neuen konzeptionellen Ansatz. Basis für die künftige Sicherheitsarbeit im SPNV Nordrhein-Westfalens sollen nicht allein objektiv messbare Daten zu sicherheitsrelevanten Vorfällen sein, sondern auch gezielte Fahrgastbefragungen zum Sicherheitsempfinden. „Es ist so, dass die statistische Wahrscheinlichkeit Opfer einer Straftat zu werden, im SPNV NRW sehr gering ist. Entscheidend für die Fahrgäste ist jedoch nicht die Wahrscheinlichkeit Opfer einer Straftat zu werden, da das Sicherheitsempfinden in der Regel nicht auf tatsächlichen Risiken basiert. Die Fahrgäste definieren Situationen nach individuellen Vorstellungen und bilden sich somit ihre eigene Wirklichkeit, hier müssen wir ansetzen und müssen schauen, wie wir diesen individuellen Befürchtungen begegnen können. Bislang durchgeführte Kundenbarometer beinhalten zumeist nur eine Frage: Wie sicher fühlen Sie sich? Eventuell wird dabei noch zwischen Tag- und Nachtstunden differenziert. Mehr nicht. Wir wollen aber nicht nur ermitteln, ob und wie sicher sich die Fahrgäste fühlen. Wir wollen auch wissen, warum sie sich unsicher fühlen, an welchen Orten oder in welchen Situationen sie Bedrohungen fürchten, welche Personengruppen sich unsicher fühlen und aus welchem Grund. Dafür starten wir eine vertiefende Kick-off-Erhebung, die wir halbjährlich aktualisieren werden“, erklärt Schäfer das erste zentrale Arbeitspaket im neuen Projekt.

Zur Vorbereitung der Fahrgasterhebung stehen die Projektpartner/innen mit Wissenschaftlern, Meinungsforschern und den Sicherheitspartner/innen bei Ordnungsbehörden, Landes- und Bundespolizei in Kontakt. Vergleichbare Studien liegen deutschlandweit kaum vor, eine der letzten wurde vor einigen Jahren in Brandenburg durchgeführt. „Wir betreten quasi Neuland. Aber wir müssen die Fahrgäste und ihr Sicherheitsgefühl verstehen, um effektiv handeln und mehr Menschen für den ÖPNV gewinnen zu können“, sagt Schäfer.

 

Der SPNV ist Teil einer großen Sicherheitspartnerschaft

Ziel der Projektarbeit ist ein unternehmensübergreifendes Sicherheitskonzept für den SPNV in Nordrhein-Westfalen mit messbaren Sicherheitsstandards auf allen Linien, die auch Bestandteil zukünftiger Verkehrsverträge werden. Schäfer und sein Team beim KCS können hier auf viele, erfolgreich implementierte sicherheitsfördernde Maßnahmen zurückgreifen. Dazu gehören unter anderem eine landesweite Sicherheitsdatenbank, Sicherheitspartnerschaften oder auch die speziellen Sicherheitsteams des VRR. Letztere werden – nach erfolgreichem Pilotprojekt im VRR – vom Land als landesweite und dauerhafte Umsetzung finanziert.

Ein weiteres, zentrales Arbeitspaket im Projekt „Fokus Sicherheit“ bildet die Vorbereitung auf die Fußball-Europameisterschaft 2024. Die Großveranstaltung erfordert nicht nur ein besonderes Fahrplankonzept, sondern auch ein Sicherheitskonzept, das auf die Besonderheit von Fanverkehren einzahlt. „Fanverkehre sind schwer kalkulierbar, und da wird so mancher Sieg beim Fußballspiel in der Bahn weiter gefeiert werden. Eine hochgradige Auslastung und zusätzlich alkoholisierte Fahrgäste – das kann schnell zu Konflikten führen, denen wir präventiv begegnen müssen. Darüber hinaus müssen wir daran denken, dass jede Großveranstaltung Raum für kriminelle Handlungen bietet. Unser Mandat beschränkt sich natürlich nur auf den SPNV, aber wir sind Teil einer großen Sicherheitspartnerschaft und werden strategisch wie praktisch mit, Ordnungsbehörden und Polizei zusammenarbeiten“, beschreibt Schäfer die besondere Herausforderung. Dafür bietet Fokus Bahn NRW eine landesweit funktionale Programmstruktur.