Im Gespräch mit Joachim Künzel, VDV Academy & Training
Programm
19. August 2025
Personalgewinnung als Gemeinschaftsaufgabe
Mit der VDV Academy & Training GmbH starten der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) und die VDV-Akademie mit Unterstützung des Landes Nordrhein-Westfalen eine bundesweite Initiative zur nachhaltigen Fachkräftesicherung für den öffentlichen Personenverkehr. Joachim Künzel, langjähriger Programmleiter von Fokus Bahn NRW, hat die Geschäftsführung für das neue Tochterunternehmen der VDV-Akademie übernommen. Die Erfahrungen, welche die Bahnbranche in Nordrhein-Westfalen bei der unternehmensübergreifenden Personalgewinnung und -qualifizierung gewonnen hat, wertet er als wichtige Pionierarbeit zur Bewältigung bundesweiter Herausforderungen. Im Interview reflektiert er die Maßnahmen des Landesprogramms mit aktuellen Ergebnissen aus der „Großen Deutschlandumfrage Fahrpersonal Bus & Bahn 2025“ des VDV.
Die Mobilitätswende im öffentlichen Nahverkehr kann nur gelingen, wenn wir die Personalprobleme nachhaltig angehen.
Joachim Künzel
Geschäftsführer VDV Academy & Training GmbH
Nicht nur der VDV, sondern beispielsweise auch das Institut der Deutschen Wirtschaft warnen bereits seit Jahren vor dem Personalmangel im ÖPNV. Wie ernst ist die Lage und was ist zu tun ?
Joachim Künzel: Die Lage ist sehr ernst, bundesweit und im gesamten Öffentlichen Personennahverkehr. Schon heute fehlen rund 3.000 Triebfahrzeugführer/innen, das entspricht in etwa dem Personalbestand im SPNV in Nordrhein-Westfalen. Darüber hinaus fehlen 20.000 Busfahrer/innen. Über alle Berufsbilder betrachtet, gehen bis 2030 über 70.000 Beschäftigte von Verkehrsunternehmen in den Ruhestand. Der demografische Druck ist gewaltig und eine zentrale Herausforderung für die gesamte Mobilitätsbranche. Deshalb wollen wir über die VDV Academy & Training Verkehrsunternehmen, Aufgabenträger, Bildungseinrichtungen und die Politik dafür gewinnen, über gemeinsame Strukturen und Programme wirksame Lösungen für eine erfolgreiche Gewinnung von Fach- und Führungskräften aufzubauen.
Warum ist es so schwierig, diese Stellen zu besetzen?
Joachim Künzel: Wichtige Erkenntnisse liefert hier die „Große Deutschlandumfrage Fahrpersonal Bus & Bahn 2025“, die der VDV mit der Digitalberatung nexum durchgeführt hat. 1.425 Beschäftigte aus Unternehmen des öffentlichen Personen- und des Schienengüterverkehrs wurden zu ihrer Berufsentscheidung befragt und wie sie die Rahmenbedingungen ihres Jobs bewerten. Insgesamt können wir festhalten, dass die Anforderungen an die Fachkräfte im Fahrdienst schlichtweg steigen – einmal ganz abgesehen vom Schichtdienst, der ist notwendig, das wissen alle – und trotzdem wünschen sich 30 Prozent der Beschäftigten, dass die Dienstpläne mit dem Privatleben besser vereinbar wären. Als belastend empfunden werden allerdings der zunehmende Stress im Straßenverkehr und auch der unmittelbare Fahrgastkontakt. Es versteht sich von selbst, dass die Verkehrsunternehmen sehr viel tun, um Dienstpläne zu verbessern und Arbeitsbelastungen zu senken. Letztendlich geht es da allerdings auch um bessere finanzielle Rahmenbedingungen für die Mitarbeitenden im Fahrdienst. Nun können eine arbeitnehmerfreundlichere Dienstplangestaltung und ein höherer Verdienst nur durch weitere finanzielle Mittel umgesetzt werden – Geld, das die Verkehrsunternehmen allein nicht aufbringen können.
Und wie können die Berufe im ÖPNV insgesamt attraktiver werden?
Joachim Künzel: Auch hier liefert die Deutschlandumfrage Ergebnisse bzw. weist sie die Anforderungen an Politik und Branche aus. Für die Politik ergeben sich insbesondere vier Handlungsfelder: Erstens muss die Finanzierung für die Anpassung von Arbeitszeitmodellen und Löhnen ausgebaut werden. Zweitens braucht es bundeseinheitliche Sicherheitsstandards, etwa bei technischer Ausstattung, Videospeicherfristen, Sicherheitspartnerschaften. Drittens kann das Potenzial in Aus- und Weiterbildung besser ausgeschöpft werden – durch Abbau von Qualifizierungshürden, Förderung von Umschulungen und vereinfachten Busführerscheinerwerb. Nicht zuletzt muss die Integration von Migrantinnen und Migranten über angepasste Sprachanforderungen und gezielte Förderung erleichtert werden.
Selbstverständlich ist die Branche bei den Themen Quereinsteigergewinnung, Arbeitgeberattraktivität und Digitalisierung der Rekrutierungsprozesse ebenfalls gefordert.
Joachim Künzel
Die Ergebnisse decken sich mit den Handlungsfeldern, die Fokus Bahn NRW seit sechs Jahren bearbeitet ...
Joachim Künzel: ... und das ist sicher kein Zufall. Fokus Bahn NRW hat auf Landesebene gezielte Erhebungen beispielsweise zum Image des Lokführerberufs bei Frauen, zu Berufswechseln bzw. zu Qualifizierungsabbrüchen und auch eine branchenweite Mitarbeiterbefragung zu den Belastungen im Arbeitsalltag durchgeführt, auf dieser Basis Handlungsfelder definiert und viele wirksame Maßnahmen zur Personalgewinnung entwickelt. Das werte ich als wichtige Pionierarbeit.
Die Deutschlandumfrage zeigt, dass Fokus Bahn die richtigen Hebel zur Personalgewinnung angesetzt hat, zum Beispiel bei der Ansprache von Quereinsteiger/innen. Tatsächlich kommen auch bundesweit mehr als 50 Prozent der Mitarbeitenden im Fahrdienst über den beruflichen Quereinstieg in die Branche. Also müssen die Prozesse zu Bewerbung, Einarbeitung und Qualifikation stärker auf diese Zielgruppe ausgerichtet sein. Mit der Employer Brand „Die Bahnen in NRW“ hat Fokus Bahn NRW die Personalgewinnung als Gemeinschaftsaufgabe der Branche neu definiert und eine beachtliche Leistungsbilanz erzielt.
Die Erfahrungen im Bereich unternehmensübergreifender Qualifizierungen und intensiver Netzwerkarbeit für den SPNV in Nordrhein-Westfalen belegen, dass gemeinsame Maßnahmen zur Bekämpfung des Fachkräftemangels Wirkung entfalten.Auf dieser Basis kann die VDV Academy & Training aufbauen, auf bundesweiter Ebene Kooperationsprojekte entwickeln und so dem wachsenden Fachkräftemangel im öffentlichen Nahverkehr begegnen. Dabei werden wir durchaus auch organisatorische Tätigkeiten von Fokus Bahn NRW übernehmen, wenn das Landesprogramm zum Jahresende ausläuft.
Vor Ihrem Wechsel zu VDV Academy & Training im April waren Sie fast sechs Jahre lang Programmleiter von Fokus Bahn NRW. Was geben Sie uns mit auf den Weg?
Joachim Künzel: Fokus Bahn NRW hat eine für die gesamte Bahn- und Verkehrsbranche vorbildliche Zusammenarbeit etabliert und ich bin stolz darauf, dass ich daran mitgewirkt habe, da ich in meiner früheren Position als Geschäftsführer des Nahverkehrs Westfalen-Lippe fast sechs Jahre lang die Programmleitung für die Seite der Aufgabenträger übernehmen durfte. Die Zusammenarbeit der Eisenbahnverkehrsunternehmen jenseits von Ausschreibungsphasen sowie die enge Kooperation mit den Aufgabenträgern und dem Verkehrsministerium ist ganz im Sinne der Fahrgäste und des Systems Schiene. Das beschränkt sich nicht nur auf die Gewinnung und Qualifizierung von Fachkräften, sondern gilt insbesondere auch für Einrichtungen wie die SPNV-Regiezentrale NRW, die Fahrgastinformation via zuginfo.nrw sowie die unternehmensübergreifende Organisation von Schienenersatz- und Busnotverkehren. Ebenso wichtig ist die gemeinsame Arbeit an zukunftssicheren Verkehrsverträgen – und zwar nicht nur für Nordrhein-Westfalen, sondern bundesweit.
Damit die Projekte von Fokus Bahn NRW langfristig wirken, gilt es, dass die Bahn- und Verkehrsbranche ihre eigenen Strukturen dafür schafft.
Joachim Künzel