Wie bewerten Fahrgäste die Sicherheit im SPNV?

Die Bahnen im SPNV sind die sichersten Verkehrsmittel überhaupt. Aber wie sicher fühlen sich die Fahrgäste, wenn sie mit den Bahnen in NRW unterwegs sind? Ein Gespräch mit Dr. Andreas Schröder von Pro Bahn NRW über Prävention und entspanntes Reisen im Nahverkehr auf der Schiene.

Fokus Bahn NRW hat in diesem Jahr das Projekt Fokus Sicherheit gestartet und verfolgt dabei einen gänzlich neuen Ansatz: Die Sicherheitsarbeit im SPNV wird sowohl auf die objektive Sicherheitslage, als auch auf die subjektiv wahrgenommene Sicherheit von Fahrgästen und Mitarbeitenden ausgerichtet. Das Projekt zielt auf ein unternehmensübergreifendes Sicherheitskonzept für den SPNV in Nordrhein-Westfalen, das bis zur Fußball-Europameisterschaft 2024 vorliegen soll. Dr. Andreas Schröder von Pro Bahn NRW beschreibt im Gespräch mit Fokus Bahn NRW, Gefühle und Ängste, die Menschen bei der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel begleiten, und die Herausforderungen einer erfolgreichen Sicherheitsarbeit im SPNV.

Entspanntes und sicheres Reisen ist für Bahnreisende ebenso wichtig wie für das Image des SPNV. Wie bewerten Sie die aktuelle Sicherheitslage im SPNV Nordrhein-Westfalens aus Fahrgastsicht?

Dr. Andreas Schröder: In letzter Zeit haben wir von keinen außergewöhnlichen Sicherheitsproblemen gehört. Bei Fußballspielen und Großereignissen kommt es gelegentlich zu Eskapaden, aber daran hat man sich schon fast gewöhnt. Während der Zeit des 9-Euro-Tickets gab es mehr übervolle Züge als üblich. Das hat hier und da zu Frust und Problemen geführt – und es hat das Reisegefühl sowie die Sicherheitslage beeinträchtigt. Die meisten Sicherheitsprobleme sind allerdings strukturell und dauerhaft.

Kein Verkehrsmittel ist so sicher wie die Bahn, aber die Sicherheit im SPNV ist immer ein sehr emotionales Thema. Warum fühlen sich Menschen im SPNV unsicher?

Dr. Andreas Schröder: Das größte Problem sind die Bahnhöfe. Die teils maroden Gebäude sind ein Grund für fehlendes Sicherheitsgefühl. Dunkle Ecken, enge, ungepflegte und stinkende Tunnel-Durchgänge sind nicht einladend. Mehr Lichtgestaltung und großzügigere Architektur können aushelfen, das Defizit zu beheben. Hinzu kommt, dass sich die lokalen Drogenszenen häufig in Bahnhofsnähe treffen und das Umfeld prägen. Hier ist die Abstimmung mit der Kommunalpolitik wichtig.

Ein zweiter Sicherheitsfaktor unterwegs sind die Mitreisenden. Fahrgäste sind im öffentlichen Verkehr ihren Mitreisenden „ausgesetzt“. Entspanntes Reisen funktioniert nur, solange sich ALLE an die Regeln halten. Benehmen, Anstand und rücksichtsvolles Miteinander braucht es. Leider halten sich einige Personen nicht daran – und ziehen ihre Mitreisenden in Mitleidenschaft. Mehr Sicherheitspersonal und Videobeobachtung können helfen. In Spitzenzeiten könnten zudem Reisenden-Lenker helfen, die Fahrgastströme zu kanalisieren und so den Andrang von Massen vermeiden.

Ob Videotechnik oder Sicherheitsmitarbeitende im Zug: Die Bahnen im NRW tätigen seit Jahren umfangreiche Investitionen, damit sich ihre Fahrgäste sicherer fühlen. Welche Maßnahmen halten Sie für besonders wichtig – auch mit Blick auf die Mobilität bei Großereignissen wie der EM 2024?

Dr. Andreas Schröder: Das Mehr an Sicherheitsmitarbeitern begrüßen wir als Fahrgastverband sehr. Es ist zwar teuer, aber notwendig und trägt erheblich zum Sicherheitsgefühl unterwegs bei. Videotechnik kann unterstützend helfen und ist im Ausland im großen Stil längst Standard. Wir wollen außerdem, dass unsere Bahnhöfe sauberer und einladender werden. Viele Bahnhöfe in Nordrhein-Westfalen wurden in den letzten Jahren modernisiert, aber es muss noch weiter gehen. Wir brauchen regelmäßige Pflege, gute Beleuchtung und stellenweise großzügigere Architektur.

Die Sicherheit im SPNV ist immer auch abhängig von regionalen Gegebenheiten. Nun zielt Fokus Bahn auf landesweite Standards und ein unternehmensübergreifendes Sicherheitskonzept. Wie finden Sie diesen neuen konzeptionellen Ansatz?

Dr. Andreas Schröder: Da Sicherheitsfragen nicht an Unternehmensgrenzen halt machen, ist das übergreifende harmonisierte Konzept der richtige Ansatz. Fahrgäste nehmen den öffentlichen Verkehr in seiner Gesamtheit wahr. Sie unterscheiden nicht nach Unternehmen oder Region. Landesweite Standards sind ein richtiger Ansatz, um Lösungsansätze und ein gewisses Ambitionsniveau zu definieren.

Neue Sicherheitskonzepte und zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen kosten natürlich immer auch Geld, das gerade im ÖPNV gezielt und verantwortungsvoll eingesetzt werden muss. Wo sehen Sie die Prioritäten für die Sicherheitsarbeit im SPNV Nordrhein-Westfalens?

Dr. Andreas Schröder: Neben den offensichtlichen Faktoren wie Sicherheitspersonal und Videotechnik sind aus unserer Sicht die Bahnhöfe ein wichtiger Ansatzpunkt. Bahnhöfe als Ort einer Willkommenskultur müssen Lust auf Reisen machen. So wird die Reise ein schönes Erlebnis – anstatt ein gewagtes Abenteuer.

Vielen Dank für das Gespräch.