Ausbildungsoffensive: Über 350 Kursplätze für Lokführer/innen im ersten Quartal 2022

Fünf Fragen an Heinrich Brüggemann, Projektleiter "Fokus gemeinsame Qualifizierung"

Fokus Bahn NRW begegnet dem Fachkräftemangel in der Bahnbranche durch eine Vielzahl von Kooperationspartnerschaften und Qualifizierungsprojekten. Dank dieses Netzwerks können die zehn Bahnen in NRW allein im ersten Quartal 2022 über 350 neue Kursplätze für Lokführerinnen und Lokführer anbieten. Heinrich Brüggemann, Projektleiter „Fokus gemeinsame Qualifizierung“, erklärt, warum eine langfristige Personalplanung nach wie vor wichtig ist.

Fokus Bahn NRW schlägt seit rund drei Jahren neue Wege zur Gewinnung und Ausbildung von Lokführerinnen und Lokführern ein. Welche Maßnahmen haben sich als besonders erfolgreich erwiesen?

Brüggemann: Wir haben in den vergangenen drei Jahren einige, sehr gute Projekte angestoßen, zum Beispiel die Mentorenprogramme und spezielle Kurse für Migrantinnen und Migranten. Der große Erfolg liegt aber sicher in unserer Netzwerkarbeit – sowohl branchenintern, als auch branchenübergreifend mit engagierten Partnerinnen und Partnern bei Arbeitsagenturen, Jobcentern und Bildungsträgern. Über eine gemeinsame Bewerbungsplattform konnten wir im vergangenen Jahr monatlich mehrere hundert Interessierte für den Beruf als Lokführer/in gewinnen. Als besonderen Erfolg werte ich dabei auch, dass sich deutlich mehr Frauen als zuvor bewerben. Ihr Anteil unter den Bewerber/innen hat sich im Jahr 2021 von 7,5 auf 14 Prozent fast verdoppelt. Dabei spielt sicher auch die Beratungsstelle für interessierte Quereinsteiger/innen eine zentrale Rolle.

Bei diesen Bewerber/innenzahlen müsste die Personallage der Bahnen in NRW doch inzwischen entspannt sein – oder?

Brüggemann: Von einer entspannten Personallage können wir leider noch lange nicht sprechen. Der Bedarf an qualifizierten Lokführerinnen und Lokführern ist allein vor dem Hintergrund des demografischen Wandels eine bleibende Herausforderung und die geplante Mobilitätswende wird zusätzliche Bedarfe schaffen. Bei den Bahnen in NRW gehen bis 2025 rund 40 Prozent aller Mitarbeitenden in den Ruhestand– und zwar an vielen kleinen Einsatzstellen, praktisch übers ganze Land verteilt. Die Unternehmen sind gefordert, kontinuierlich Personal nachzuführen. Dabei ist die Qualifizierung im Vergleich zu den großen Betriebsaufnahmen der vergangenen Jahre viel schwieriger. Denn an kleineren Standorten lassen sich keine großen Kurse durchführen. Deshalb streben wir mit Fokus Bahn NRW gemeinsame, unternehmensübergreifende Lösungen an.

Bietet die digitale Ausbildung eine Lösung für zukünftige Qualifizierungen?

Brüggemann: In der Coronakrise haben wir erfolgreich den Einstieg in die digitale Ausbildung gemacht und können Interessierten jetzt einen zertifizierten Fernlehrgang anbieten. Das ist sicher eine zukunftsweisende Chance für unternehmenseigene sowie unternehmensübergreifende Kurse, die sich flexibel und ortsunabhängig bilden lassen. An den intensiv betreuten Online-Kursen können beispielsweise auch Bewerber/innen aus ländlichen Regionen teilnehmen, ohne weite Anfahrtswege auf sich nehmen zu müssen. Aber unabhängig davon, ob die Qualifizierung online oder in Präsenz stattfindet, ist es wichtig, dass es überhaupt ausreichend Kurse gibt und eine kontinuierliche Qualifizierung möglich ist. Hier wird Fokus Bahn NRW als Initiative tätig. Allein im ersten Quartal 2022 werden die zehn Bahnunternehmen in NRW über 350 neue Kursplätze für Umschulende anbieten. Unser Ziel ist es, die Kursangebote im Jahresvergleich zu 2021 um mindestens 30 Prozent zu erhöhen.

Allerdings sucht die Bahnbranche ja nicht nur Lokführer/innen. Laut Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) brauchen ÖPNV und SPNV bis 2030 bundesweit rund 110.000 neue Mitarbeitende ...

Brüggemann: Das ist richtig. Die Mobilitätswende verlangt zusätzlich nach qualifizierten Fachkräften – und das sind nicht nur Lokführer/innen. Aktuell suchen die Bahnunternehmen beispielsweise auch Kundenbetreuer/innen, Fahrdienstleiter/innen, Disponent/innen, Betriebsplaner/innen, Mitarbeitende in den Werkstätten oder IT-Spezialist/innen. In der gesamten Bahnbranche gibt es vielseitige Berufsbilder und viele berufliche Möglichkeiten. Deshalb wird Fokus Bahn NRW neue Zielgruppen für die Bahnbranche identifizieren und die Kommunikation mit interessierten Quereinsteiger/innen noch einmal deutlich ausbauen.

Was bedeutet das für die langfristige Personalarbeit?

Brüggemann: Qualifizierte und engagierte Mitarbeitende werden von vielen Branchen stark umworben. Sie zu finden, zu halten und ihre Fähigkeiten laufend weiterzuentwickeln – das sind in Zukunft die Kernaufgaben für die Personalarbeit in jedem mittelständischen Unternehmen, die wir im Rahmen der Brancheninitiative zum Beispiel durch Werkstattgespräche weiter professionalisieren möchten. Im Kampf um die besten Köpfe wollen wir die Bahnbranche durch langfristige Planungen des Personalbedarfs und entsprechende Konzepte zur Mitarbeiter/innenentwicklung stärken und dabei auch die Vernetzung mit Arbeitsagenturen, Jobcentern und Bildungsträgern noch weiter ausbauen. Langfristig gilt es, Modelle einer bedarfsgerechten unternehmensübergreifenden Qualifizierung zu etablieren – und zwar nicht nur bei Umschulungen, sondern auch bei der dreijährigen Ausbildung „Eisenbahner/in im Betriebsdienst“ sowie bei beruflichen Zusatzqualifizierungen und Weiterbildungsmöglichkeiten. Wenn die Bahnbranche auch hier gemeinsam handelt, sind Mangelsituationen – wie wir sie ja schon einige Male erlebt haben – in Zukunft Geschichte.


Eine gemeinsame Veranstaltung der Berufsinformationszentren Bochum, Dortmund, Hagen und Recklinghausen mit Vertreter/innen von Fokus Bahn NRW informiert am 8. März über die Ausbildung „Eisenbahner/in im Betriebsdienst“, mögliche Ausbildungsstellen und weitere Qualifizierungswege.

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