Darum ist eine Baustellenkoordination so wichtig

Orange Gleise und Beton liegen auf Steinen und werden von der untergehenden Sonne angestrahlt.

Fahrgast

07. Februar 2020

Neue Verbindungen, verbesserte Barrierefreiheit, moderne Bahnhöfe: Auf den Schienen wird so viel gebaut wie nie, der Nahverkehr in NRW soll weiterwachsen.


Damit die Mobilität der Fahrgäste nicht auf der Strecke bleibt, hat Fokus Bahn NRW ein Teilprojekt der Baustellenkoordination gewidmet. Leiter des Projekts, Michael Hergarten, klärt auf, was sich in der Baustellenkoordination verbessern muss und welche Ziele angestrebt werden.


Warum wurde der Workshop zum Thema „Vernetzte Baustellenplanung“ ins Leben gerufen?


Michael Hergarten: Ursprünglicher Ansatz im Rahmen des Teilprojekts „Fokus Fahrgast“ war es, die Kommunikation bei Baustellen und Störungen im Sinne des Fahrgastes zu verbessern. Da läuft heute noch Vieles suboptimal, indem zum Beispiel jedes Verkehrsunternehmen eigene Baustellenplakate aufhängt, die parallele Linien anderer EVU nicht berücksichtigen. So muss man als Kunde von Aushang zu Aushang spazieren, um die relevanten Infos zusammenzutragen.


Um diesen Umstand zu verbessern, muss man sich an einen Tisch setzen. Es wurde aber sehr schnell klar, dass man noch früher ansetzen muss – nämlich bei der eigentlichen Planung: Parallel fahrende EVU müssen ein gemeinsames Ersatzkonzept erarbeiten, erst dann wird es der Kunde als „aus einem Guss“ wahrnehmen und möglichst ohne große Zeitverluste reisen können. Bislang kommt es leider vor, dass aneinander vorbeigeplant wird, sich Busse gegenseitig überholen oder Anschlüsse knapp verpasst werden. Das kann nicht im Sinne des Fahrgastes sein.


Wie viele Baustellen wird es 2020 geben?


Michael Hergarten: Diese Frage kann vermutlich nur die DB Netz AG abschließend beantworten. Fakt ist jedenfalls, dass inzwischen an keinem Tag des Jahres landesweit der bestellte Regelfahrplan gefahren wird, da immer irgendwo gebaut wird. Dies reicht von einer Nachtbaustelle mit einzelnen Zugverspätungen bis hin zu monatelangen Vollsperrungen wie aktuell zwischen Lünen und Davensberg.


Wie sollten Baustellen aus Sicht des Kunden geplant werden?


Michael Hergarten: Die Baustellen an sich sollten so geplant sein, dass die Reisenden möglichst wenige Einschränkungen hinnehmen müssen, d.h. möglichst viele Züge fahren können. Sind Sperrungen und Einschränkungen unumgänglich, muss Ziel des Ersatzkonzepts sein, die unvermeidliche Reisezeitverlängerung für die Fahrgäste so gering wie möglich zu halten. Ansatzpunkte hierfür können Zugumleitungen (statt Ausfälle), der Einsatz von Schnellbussen und die Beschränkung des Ausfallabschnitts auf den kürzest möglichen Bereich in Verbindung mit einem Ersatzkonzept „aus einer Hand“ sein. Dieses Konzept muss letztlich ausreichende Kapazitäten bieten, zuverlässig sein und nicht zuletzt korrekt und übersichtlich kommuniziert werden.


Wie sind diese Ziele erreichbar?


Michael Hergarten: Neben den schon genannten Ansatzpunkten ist eine gemeinsame und abgestimmte Vorbereitung wichtig. Wir haben z. B. gute Erfahrungen damit gemacht, wenn ein EVU den kompletten Ersatzverkehr für eine Strecke im Auftrag aller beteiligten zentral organisiert. Auch Probefahrten für die SEV-Routen zum Prüfen der Fahrzeiten und der vorgesehenen Straßen inklusive Beteiligung der Gemeinden vor Ort sind den Aufwand mehr als wert. Für die Umleitung von Zügen ist es enorm wichtig, dass die EVU für diese Alternativrouten die notwendige Streckenkunde ihres Fahrpersonals berücksichtigen.


Was würden Sie sich von der Abstimmung bzw. Kommunikation zwischen den Betreibern wünschen?


Michael Hergarten: Ich wünsche mir, dass Baustellenplanungen auf Strecken mit mehreren parallel fahrenden Betreibern gar nicht mehr auf das eigene EVU beschränkt angegangen werden, sondern unmittelbar Gespräche zur Aufstellung eines gemeinsamen Konzepts stattfinden. Hierbei werden letztlich die Aufgabenträger eine wesentliche Rolle einnehmen müssen, indem entschieden werden muss, welche Linie bei eingeschränkt verfügbaren Gleisen fahren soll und welche nicht. Wichtig ist, dass das System Schiene (bzw. ÖPNV generell) hier stets als Gesamtsystem gesehen wird und niemand mehr von „seiner“ Linie spricht.