Lokführer/innen-Nachwuchs: eurobahn-Chefin Anne Mathieu über die EiB-Ausbildung

Die Nachfrage nach klimafreundlicher Mobilität lässt den Bedarf an Lokführer/innen weiter steigen. Dem Fachkräftemangel auf der Schiene entgegenzutreten, ist eine Kernaufgabe der Initiative Fokus Bahn NRW. Mit vielen Umschulungsangeboten konnten bereits kurzfristig Quereinsteiger/innen als Triebfahrzeugführer/innen qualifiziert werden. Um auch langfristig Nachwuchs für die Bahnbranche zu gewinnen, gilt es junge Berufsanwärter/innen auf die Perspektiven bei den Bahnen in NRW aufmerksam zu machen. Anne Mathieu, vorsitzende Geschäftsführerin der eurobahn, spricht im Interview über die Ausbildung "Eisenbahner/in im Betriebsdienst" und die Zukunftschancen.

Die eurobahn gehört zu den wenigen Bahnunternehmen, die neben der zehn- bis zwölfmonatigen Umschulung für den Lokführer/innen-Beruf auch die dreijährige Ausbildung zum Eisenbahner bzw. zur Eisenbahnerin im Betriebsdienst anbieten. Was ist aus Ihrer Sicht das Besondere an dieser Qualifizierung?

Anne Mathieu: Junge Menschen auszubilden, hat für uns als Unternehmen eine hohe Priorität, denn wir bieten bereits Jugendlichen eine Perspektive mit Zukunft. Die dreijährige Berufsausbildung bringt qualifizierte Fachkräfte hervor, denen bei entsprechender Eignung eine Karriere in der Bahnbranche bevorsteht. Darüber hinaus können wir mit der Berufsausbildung dem Fachkräftemangel zumindest in Teilen entgegentreten. Als Arbeitgeber haben wir zudem eine soziale Verantwortung – Nachhaltigkeit fängt beim Berufsstart an. Wir bilden übrigens auch junge Schulabsolvent/innen in unseren Werkstätten sowie innerhalb der Verwaltung aus. Last but not least wirken wir dem demografischen Wandel entgegen. Die Einstellung junger Frauen und Männer bringt nochmals mehr Diversität in ein Team und damit verbunden auch neue Impulse. Ein frischer, neuer Blick regt an, „alte Vorgehensweisen“ nochmals zu überdenken oder zu optimieren.

Weshalb ist aus Ihrer Sicht diese Ausbildung heute bei den Bahnunternehmen so wenig verbreitet? Und was motiviert Sie als Unternehmerin der Bahnbranche, in diese Qualifizierung zu investieren, die ja mehr Betreuungsaufwand und Kosten mit sich bringt?

Anne Mathieu: Der Fachkräftemangel sorgt unseres Erachtens für höhere Kosten als der Part einer Berufsausbildung. Wenn wir es schaffen, junge Schüler/innen für einen derart nachhaltigen Beruf und die Branche zu gewinnen, profitieren nicht nur wir als Unternehmen, sondern letzten Endes der gesamte SPNV. Wir haben große Ziele – bspw. die Verdoppelung von Fahrgastzahlen, Deutschlandtakt und vieles mehr. Hierfür benötigen wir begeisterte und qualifizierte Nachwuchsfachkräfte, die sich zudem sehr aktiv für die Umwelt und Nachhaltigkeit unserer Erde einsetzen. Der SPNV und die bevorstehende Verkehrswende sind zukunftsweisend, da sollte es doch selbstverständlich sein, diese mit Nachwuchs zu stärken.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Möglichkeit der kompetenten Weiterbildung. So haben wir bspw. ein Team aus Trainer/innen, die die ausgebildeten und qualifizierten Triebfahrzeugführer/innen sowie auch die Kurzausbildungen betreuen. Ob regelmäßigen Fortbildungsunterricht, Simulatortraining oder auch Nachschulungen bei besonderen Ereignissen – hier stehen Trainer/innen zur Verfügung, die auch die jungen Auszubildenden zum Eisenbahner bzw. zur Eisenbahnerin im Betriebsdienst ausbilden. Dies bedeutet, eine umfassende, kompetente und verantwortungsvolle Ausbildung zu leisten. Darüber hinaus sind die Trainer/innen auch bei der IHK als Prüfer/innen für die Eisenbahner und Eisenbahnerinnen im Betriebsdienst tätig. Diese Synergien schließen sich zu einem perfekten Kreislauf, der es den Fachkräften sowie dem Unternehmen ermöglicht, bestmöglich Aus- und Weiterbildung zu generieren und zwar passgenau auf Mensch und Unternehmen.

Was sollte eine Bewerberin oder ein Bewerber mitbringen, wenn sie oder er über diese Ausbildung in einen Bahnberuf starten möchte? Nach welchen Kriterien wählen Sie aus?

Anne Mathieu: Nebst einem absolvierten Schulabschluss ist die Begeisterung für Technik natürlich ein Vorteil. Die jungen Auszubildenden werden an diesen verantwortungsvollen Beruf herangeführt. Viele Schüler/innen haben sich vielleicht noch nicht konkret mit dieser Berufsausbildung auseinandergesetzt, deshalb müssen wir hier innerhalb der Branche sicherlich nochmals mehr die Ansprache finden und aufzeigen, welche Perspektiven es in unserer Bahnbranche gibt.

Was sind die Entwicklungsmöglichkeiten und Perspektiven, die sich für Absolventinnen und Absolventen einer EIB-Ausbildung ergeben? Gibt es typische Karrierewege?

Anne Mathieu: Nach einer absolvierten Berufsausbildung gibt es viele Optionen – einer Karriere vom Auszubildenden bis hin zur Führungskraft steht bei Eignung nichts im Wege. Dabei sind die Wege der Weiterbildung und Karriereoptionen vielfältig. Vom Teamleiter bzw. von Teamleiterin bis hin zum Manager bzw. zur Managerin –  Bordpersonal, Trainer/in- und / oder Ausbilder/in für Triebfahrzeugführer/innenm der Einsatz als Disponent/in oder Planer/in – gibt es viele Optionen innerhalb der Branche, eine Karriere zu absolvieren. Insbesondere im Bereich Fahrzeugmanagement ist es nicht ungewöhnlich, dass ausgebildete Mechatroniker/innen oder Elektroniker/innen anschließend noch ein fachbezogenes Studium absolvieren.  


Welche Rolle spielt das Alter beim Start in eine EiB-Ausbildung – sind hier vorrangig jüngere Bewerberinnen und Bewerber gefragt?

Anne Mathieu: Um Züge in Deutschland steuern zu dürfen, muss man 21 Jahre alt sein. Deshalb ist es von Vorteil, wenn die jungen Auszubildenden bei Start in die Berufsausbildung kurz vor ihrem 18. Geburtstag stehen. Nach der dreijährigen Ausbildung steht den jungen Eisenbahner/innen somit die Schiene für die freie Fahrt zur Verfügung. Auch 21-Jährigen steht der Weg für die Berufsausbildung frei. Da nicht jeder Lebenslauf geradlinig läuft, gibt es keine „typische“ Obergrenze. Auch mit 25 Jahren starten viele Frauen und Männer noch eine Berufsausbildung mit abschließender Prüfung vor der IHK. Quereinsteiger/innen, die die elfmonatige Qualifizierung zum Triebfahrzeugführer bzw. zur Triebfahrzeugführer/in absolvieren, sind beispielsweise. keine „frischen“ Schulabsolventen, sondern neue Kolleg/innen, die in ihren vorigen Berufen bereits auf einige Jahre Berufserfahrung zurückgreifen.


Der Beruf Lokführer gilt nach wie vor als typischer Männerberuf, wie ist Ihre Erfahrung mit Frauen, die in diesen Beruf einsteigen? Was raten Sie ihnen aus Ihrer Erfahrung als Unternehmerin in der Bahnwelt?

Anne Mathieu: Wer an Lokführer denkt, hat meist das Bild eines Mannes im Kopf. Dass der SPNV jedoch auch von Frauen gemanagt werden kann, zeigt unser Unternehmen: Seit vier Jahren bin ich Teil der eurobahn und leite als Vorsitzende der Geschäftsführung das Unternehmen seit Mitte 2020. Unsere Züge werden zu sieben Prozent von Frauen gesteuert, hier ist natürlich noch deutlich Luft nach oben. Wir müssen dennoch von Klischees weg, Hürden abbauen und Ängste nehmen. Die Hälfte der Frauen sind Fahrgäste, der Blickwinkel sollte doch bereits viel aussagen. Frauen können MINT und schaffen die Vielfalt in den ursprünglichen „Männerberufen“. Wir benötigen Rolemodels sowie auch vielleicht schüchterne Frauen, die zeigen „Du kannst das und du schaffst das – der Markt braucht dich“. Weiterhin bekommen unsere Frauen Rückendeckung vom Team. Gegenseitige Unterstützung, Anerkennung und Wertschätzung sind in der Bahnbranche gelebte Grundregeln und Praxis. Dabei spielt es keine Rolle, ob ein Mann oder eine Frau im Führerstand sitzt. Als Frau kann ich sagen, dass das Bild des „Männerberufes“ überholt ist. Das gilt übrigens auch beim Gehalt. Der Tarifvertrag ist für alle gültig und es gibt keine geschlechterspezifische Unterscheidung. Mein Rat lautet: „Nur Mut Frauen – es gibt nichts, was wir nicht schaffen können!“